07.11.2017
Gesundheit & Natur

Kräuterfrau schöpft aus den Schätzen der Natur

Prien — 
Draußen wird es nass und ungemütlich, die Füße sind kalt und die Nase läuft. Doch wo andere sich ins Warme flüchten, packt Ilona Baur ihren Spaten und macht sich auf den Weg. Denn der Herbst ist für die Heilkräuter-Expertin vom Chiemsee die beste Wurzel-Erntezeit.
Ilona Baur mit einem »Wurzelmännchen«.
Ilona Baur mit einem »Wurzelmännchen«.

Mit Blick auf den Jahreskreislauf steht der Zeitraum im Herbst zwischen der Tagundnachtgleiche am 21. September und dem Novemberneumond für Ilona Baur traditionell für die Wurzelgräberzeit. Es ist die Zeit des Rückzugs und der Innenschau. Das kalte Wetter treibt die Menschen früher in die Wohnungen, das quirlige Sommertreiben auf den Straßen macht Platz für eine Atmosphäre der Besinnung – Gelegenheit, sich der eigenen Wurzeln und der Verwurzelung im täglichen Leben bewusst zu werden. Gerade das Fest von Allerheiligen ist ein Anlass, der eigenen familiären Wurzeln zu gedenken.

»Viele Menschen erleben sich heute isoliert und von ihren persönlichen und kollektiven Wurzeln abgeschnitten oder getrennt von Mutter Natur«, weiß Baur aus ihren Pflanzenkursen. Weit über die medizinischen Einflüsse der Heilkräuter hinaus, hat sich die Natur­expertin aus Prien am Chiemsee mit den vielfältigen Wirkungen und Beziehungsebenen zwischen Mensch und Pflanzenwelt beschäftigt. Als Expertin für Natur- und Kräuterheilkunde vermittelt sie in Kursen und Exkursionen ein ganzheitliches Bild und Erlebnisspektrum der Natur.

Vorbild Paracelsus

Anhand der Signaturenlehre, zu deren prominentesten Vertretern Paracelsus zählt, lassen  sich zum Beispiel aus Erscheinungsbild, Farbe, Standort oder Geruch Rückschlüsse auf die Wirkungen der Pflanzen ziehen. Neben den Exkursionen zeigt die Naturexpertin vielen Menschen auch die vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten von Pflanzen in Küche und Naturapotheke, als Räucherwerk oder im Brauchtum des Jahreskreises.

Ilona Baur kennt die nützlichen Helfer für die nasskalte Jahreszeit, sammelt und verarbeitet sie selbst. So seien Engelwurz oder Alantwurzel wichtige Helfer im Herbst, der Zeit der geistigen Konzentration auf das Wesentliche. Beide werden auch Brustwurz genannt und wirken öffnend auf das Herz und heilend auf Bronchien und Lunge. Ebenso helfen die Wurzeln bei Magen- und Darmproblemen. Wer die Pflanze selber ernten will, sollte sich allerdings fachlichen Rat holen: Die Engelwurz kann als Doldenblütler leicht mit giftigen Verwandten verwechselt werden. Um das Raumklima zu verbessern, setzt Ilona Baur den Engelwurz und die Alantwurzel auch zur Räucherung ein, gemischt mit Fichtenharz, Johanniskrautblüten, Wacholderbeeren und Beifuß.

Bibernelle: früher gegen die Pest, heute gegen Schnupfen

Als probates Mittel gegen Anflüge von herbstlichen Erkältungskrankheiten haben sich alkoholische Auszüge aus der Bibernelle erwiesen. »Das wurde schon zu Pestzeiten gegen ansteckende Krankheiten eingesetzt«, berichtet die Kräuterfrau. Eine stark desinfizierende und reinige Wirkung hat ebenfalls die an Waldrändern stark verbreitete Nelkenwurz.

Pflanzen wie Wegwarte, Bärenklau oder Brennessel, die bei der Regenerierung geschwächter Böden helfen, könnten auch dem Menschen mit ihrer reinigenden und klärenden Wirkung auf Körper und Geist wieder auf den Boden helfen. Etwa bei Allergien und Infekten. Mit einem Wurzeltee am Abend komme auch ein hyperaktiver Geist wieder zur Ruhe, so Baur – und der Schlaf wird erholsam und erfrischend.

»Die Natur ist ein Buch - man muss nur darin lesen«

Baur möchte das alte Heilkräuterwissen gern verbreiten. »Mein Anliegen ist es, den Menschen durch naturnahe Begegnungen mit allen Sinnen wie bei Kräuter- oder Medizinwanderungen die vielfältigen und sehr auf das Individuum zugeschnittenen Heilwirkungen der Pflanzenwelt auf Körper, Geist und Seele nahezubringen«, sagt sie. Die Natur sei ein Buch. Man müsse nur neu lernen, darin zu lesen.

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Sonntagsblatt