Herr Kluger, wie ist Bischof Ulrich in Ihr Leben getreten und wie hat er es geschafft, Sie so lange zu fesseln, dass Sie diese "Spurensuche" jetzt nach einem langen Berufsleben als Autor aufnehmen?

Martin Kluger: St. Ulrich ist quasi vom ersten Tag an in mein Leben getreten. Mein zweiter Vorname ist Ulrich. Es gab ganz viele Ulriche und Ulrikes in dieser Zeit, weil das Ulrichsjahr 1955 den Namen massiv in die Medien getragen hatte – vermutlich war das ein Grund für die damalige Beliebtheit dieser Vornamen. Dann entstanden bei mir nach und nach über meine Arbeit an Büchern zu den Fuggern, zu Reisezielen und Sehenswürdigkeiten in Augsburg und im bayerischen Schwaben – und nicht zuletzt über meine Publikationen zur historischen Augsburger Wasserwirtschaft. Das "Augsburger Wassermanagement-System" ist ja seit 2019 UNESCO-Welterbe. Die Bewerbung der Stadt Augsburg basierte auf meinem Ideenpapier. Auf dem Weg zu dieser Idee bin ich auch auf St. Ulrich gestoßen. Dass ausgerechnet ein Augsburger Bischof als Patron bei Wassergefahren und als Brunnenheiliger verehrt wurde, hat mit dem Wasserreichtum an Lech und Wertach und den dort ständig wiederkehrenden Hochwassern zu tun.

Liest man Ihr Buch, kommt man schnell zur Erkenntnis, dass Ulrich gerade im Raum Augsburg-Schwaben allgegenwärtig ist. Was hat Sie bei Ihrer Recherche nun doch noch aufs Neue überrascht?

Martin Kluger: Zwei Dinge haben mich überrascht. Erstens: Wie dicht an dicht die Denkmäler des Heiligen – also Kirchen und Kapellen, Kunstwerke und Erinnerungsorte zum heiligen Ulrich um Augsburg liegen: Im Lechtal und im Donautal, vor allem im Allgäu findet man "Ulriche" ohne Ende. Im Allgäu hängt das mit den einstigen Nebenresidenzen der Augsburger Bischöfe in Marktoberdorf und Hindelang zusammen. In der hochalpinen Alpwirtschaft hat der Ulrichstag bis heute Bedeutung, weil St. Ulrich auch für gutes Wetter "zuständig" ist. Im Donautal saßen die Hupaldinger, die Sippe des Adeligen Ulrich, der vielleicht in Wittislingen nahe Dillingen an der Donau geboren wurde. Einen Heiligen in der Familie hat man natürlich so oft wie möglich herausgestrichen. Zweitens: Dass die Legenden um den Heiligen aus realen historischen Ereignissen entstanden sind – das "Fischwunder" etwa aus den Konflikten der Bischofsstadt Augsburg mit dem Herzogtum Bayern. Und ein Verwandter Bischof Ulrichs wurde enthauptet – sogar daraus ist wohl eine etwas skurrile Heiligenlegende entstanden.

Sie stellen auch erstaunliche Parallelen zur Schlacht auf dem Lechfeld des Jahres 955 und dem "Wunder von Bern" 1954 her. Wie sind Sie darauf gekommen?

Martin Kluger: Ein aufmerksame Lektorin hat mich darauf hingewiesen, dass der Sieg der deutschen Fußball-Nationalmannschaft im WM-Finale von 1954 an einem 4. Juli, also am Ulrichstag stattgefunden hat. Ich war elektrisiert. Ausgerechnet gegen die Ungarn, und ausgerechnet von Wasser vom Himmel begünstigt. Dass die übermächtigen, zuvor jahrelang unbesiegten und hochfavorisierten Ungarn damals von den an sich völlig chancenlosen Deutschen an einem regennassen Ulrichstag bezwungen wurden, erinnert natürlich an die Schlacht auf dem Lechfeld im Jahr 955. Damals wurden die Ungarn auch vernichtend geschlagen. Die Voraussetzung dafür schuf Bischof Ulrich, der zuvor seine Stadt gegen den Angriff der Ungarn verteidigt hatte. Das Kapitel zum "Wunder von Bern" ist natürlich nicht bierernst gemeint. Aber es musste einfach sein.

Bischof Ulrich stand auch Pate bei der Gründung der Bundeswehr. Ein Geistlicher als Fußball- und Heeres-Patronat, das macht ihn doch sicherlich einzigartig?

Martin Kluger: Das mit dem Heeres-Patronat würde der Augsburger Bischof Dr. Bertram Meier wohl nicht so gern hören. Ob er sich für Fußball interessiert, weiß ich nicht. Tatsache ist, dass während der Diskussionen zur Gründung der Bundeswehr auf die "Wehrhaftigkeit" Bischof Ulrich angesichts der Gefahren aus dem "heidnischen" Osten verwiesen wurde. Das ist im Jahr 1955 vielleicht ein Stück weit "Missbrauch" durch die Politik gewesen. Aber wir sehen ja heute gerade mal wieder, dass vor allem derjenige militärisch bedroht ist, der wehrlos erscheint.

Welche Mythen rund um Ulrich können oder wollen Sie einfach nicht mehr hören?

Martin Kluger: Auch wenn er Bischof war und bald nach seinem Tod heiliggesprochen wurde: Ulrich war ein Adeliger und quasi Landesfürst. Er stand also im Jahr 955 wahrscheinlich an der Spitze seiner Truppen. Dass er während der Schlacht auf dem Lechfeld hinter den schützenden Mauer mit den Frauen um den Sieg gebetet habe, ist eine zielgerichtete Wunschvorstellung zivilisierter Zeiten. Auch der direkte Nachfolger Ulrichs im Bischofsamt starb 981 bei einem Gefecht gegen die Sarazenen. Und nach einer früheren Schlacht gegen die Ungarn waren der Erzbischof von Salzburg sowie die Bischöfe von Freising und Säben sowie andere Kirchenleute unter den Toten. Das war die mittelalterliche Lebensrealität, und die war nun mal nicht schön. Ich meine, man sollte die Geschichte nicht verbiegen, auch nicht für einen guten Zweck.

Es scheint, dass die evangelische Ulrichskirche die einzige protestantische überhaupt ist mit Bezug auf den Bischof. Ein klares Zeichen der fehlenden Heiligenverehrung der Protestanten?

Martin Kluger: Das kann ich nicht beurteilen, ich kenne ja schließlich vor allem die Kirchen in und um Augsburg. Es gibt aber sicher außerhalb von Augsburg noch ein paar evangelische Ulrichskirchen mehr, eine etwa in der Nähe von Oldenburg. In den Zeiten des Glaubensstreits aber haben zum Beispiel die Augsburger ihren Ulrichsbrunnen abgebaut, um in der damals protestantisch dominierten Stadt Konflikte zu vermeiden. Andererseits gibt es im schwäbischen Dörfchen Ehingen am Ries eine der wenigen Simultankirchen, die von Protestanten und Katholiken abwechselnd genutzt wird. Diese Kirche hat ein Ulrichspatrozinium, und eine Heiligenfigur steht dort auch an der Wand. Das stört dort aber heutzutage offenbar keinen mehr. 

Wer hat Ihrer Meinung nach Bischof Ulrich als touristischen oder wirtschaftlich bedeutsamen Faktor für sich bereits sehr gut erkannt? Und wo könnte man da noch dessen Anziehungskraft besser nutzen?

Martin Kluger: Vor allem die Schlacht auf dem Lechfeld ist ein epochaler Wendepunkt in der deutschen, aber auch der europäischen Geschichte – und damit für Gäste aus weiten Teilen Europas von Interesse. Die Stadt Königsbrunn hat deshalb einen Infopavillon zur Ungarnschlacht von 955 erbaut und mit modernen Museumsmedien gestaltet. Die Regio Augsburg Tourismus GmbH, die Tourismuseinrichtung für Augsburg und das Umland, hat das initiiert und später den digitalen "Geschichtspfad 955" zu diesem historischen Ereignis erstellt. Das Diözesanmuseum St. Afra wird 2024 eine Sonderausstellung ausrichten, in der wohl sogar das im Lechtal ergrabene kostbare Pferdegeschirr eines ungarischen Adeligen zu sehen sein wird. Letztlich ist auch die jährliche Ulrichswoche in Augsburg ein Faktor im "Religionstourismus". Das ist übrigens ein Thema, das im heutigen Touristikmarketing meines Erachtens vielerorts systematisch unterschätzt und vernachlässigt wird. Kirchen sind dank ihrer Ausstattung für den, der Augen hat oder sich ein bisschen vorbereiten konnte, im Prinzip ja auch Museen, Dauerausstellungen und quasi Auskunfteien zur Lokal- und Regionalgeschichte in einem. Die Kongress am Park Betriebs GmbH in Augsburg wirbt mit dem Thema St. Ulrich zum Beispiel auch für Veranstaltung in kirchlichen Tagungshäuser in der Region. Wir haben in Augsburg sogar ein großes Stadthotel namens "Haus Sankt Ulrich". Da steht eine überlebensgroße Bronzefigur des Heiligen vor dem Eingang: als Wegweiser sozusagen – spirituell wie ganz praktisch. St. Ulrich ist also in der Tat auch ein Wirtschaftsfaktor.

 

INFO: Martin Kluger: Bischof Ulrich. Ein Heiliger aus Augsburg, Context-Verlag Augsburg | Nürnberg 2023. 216
Seiten, 258 Abbildungen, 23 Euro

Ulrichsgrab
Das Ulrichsgrab in der Augsburger Kirche St. Ulrich und Afra.

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