07.08.2017
Felix Leibrock ist Polizeiseelsorger und Schriftsteller

Welche Krimis schreibt ein Pfarrer?

München — 
Ohne Bücher kann sich Felix Leibrock sein Leben als Pfarrer nicht denken - deshalb schreibt er sie gleich selbst. Was den Krimipfarrer am Verbrechen fasziniert, und warum Kirche Krimis braucht, verrät er im Interview.
Krimipfarrer Felix Leibrock.
Krimipfarrer Felix Leibrock.

Was fasziniert Sie am Genre Krimi?

Leibrock: Die Frage nach der Herkunft des Bösen. Die äußerste Form des Bösen ist der Mord. Warum morden Menschen? Das habe ich mich schon als Kind gefragt. Damals war ich mit dem Thema hautnah konfrontiert: Der Nachbarssohn, etwa 20 Jahre älter als ich, wurde von der Polizei als Doppelmörder gesucht. Als Junge war ich davon gebannt: Wie kann es so etwas geben? Seither gehe ich dieser Frage nach – und habe bis heute noch keine Antwort gefunden.

Warum sind Krimis beim Leser so beliebt?

Leibrock: Ich glaube, die Frage nach dem Bösen fasziniert auch viele Leser. Darin liegt auch eine Schutzfunktion: Wer sich mit dem Bösen beschäftigt, ist vielleicht besser gewappnet, wenn es ihm begegnet.

Was lesen Sie im Urlaub? Und wie viel?

Leibrock: Ich lese gerne Neuerscheinungen, derzeit die Autobiographie von Constantin Wecker und den Roman "Geschichte der Bienen". Im Urlaub ist für mich das Schönste, wenn ich mal zehn Stunden am Stück lesen kann.

Papier oder E-Book?

Leibrock: Gebundene Bücher liegen mir einfach mehr, ich brauch es haptisch. Ich habe ja sowieso schon ein Smartphone, ein Laptop und dazu die ganzen Ladegeräte – das reicht mir an Elektronik. Noch ein E-Reader dazu, das wäre mir zu viel.

Was entspannt Sie mehr: Bücher lesen oder Bücher schreiben?

Leibrock: Schreiben. Dabei tauche ich vollkonzentriert ab in die Welt der Geschichte und merke die Zeit nicht mehr. Beim Lesen passiert mir das nur, wenn das Buch richtig gut ist. Das ist für mich auch eine Messlatte: Wenn ich bei einem Buch ständig zurückblättern oder eine Seite nochmal lesen muss, lege ich es nach spätestens hundert Seiten weg.

Ihr neuer Krimi heißt Schattenrot: Warum soll ich das lesen?

Leibrock: Weil er ein Stück vergessener deutscher Geschichte ans Licht holt. Zwischen 1945 und 1950 waren die vormaligen Konzentrationslager in Ostdeutschland weiter in Verwendung. Das war eine problematische Zeit, über die lange der Mantel des Schweigens gebreitet wurde. Dazu kommen natürlich zwei Mordfälle, die miteinander verknüpft sind – und zum ersten Mal spielt der Krimi nicht nur in Weimar, sondern auch in München.

Die Mordszenen ihrer Bücher sind durchaus drastisch. Gibt es Themen, über die sie nicht schreiben würden?

Leibrock: Das ganze Feld der Pädophilie, da sperrt sich etwas in mir. Ich finde, das passt auch nicht zur Gattung Krimi. Aber sonst: wie das Leben so spielt. Jeder Schauplatz ist möglich, jedes Verbrechen denkbar. Durch meine Tätigkeit als Polizeiseelsorger bekomme ich viel mit. Man glaubt es nicht, was Menschen sich alles ausdenken, wenn sie ein Verbrechen begehen wollen.

Warum braucht die Kirche Krimis?

Leibrock: Von Krimis kann man lernen, wie man Spannung erzeugt. Kirche ist ja häufig nicht sehr spannend, oft sogar als langweilig stigmatisiert. Mehr Spannung täte vielen Predigten, Sitzungen und Veranstaltungen gut. Außerdem neigt Kirche häufig dazu, dem Bösen auszuweichen, eine heile Welt zu beschreiben. Das finde ich nicht richtig. Krimis regen dazu an, sich mit dem Bösen zu beschäftigen.

Ihre Lesetipps für Krimifans, Romanliebhaber und Sachbuchfreunde?

Leibrock: Ein tolles Sachbuch ist die Biografie von Hans Fallada von Peter Walther. Der Roman "Das Labyrinth der Lichter" von Carlos Ruiz Safon gefällt mir gut. Und bei den Krimis ist "Tiefe Schuld" von Manuela Obermeier eine Entdeckung – sie ist selbst Polizistin, eine der wenigen, die schreiben – und gut dazu.

Beste Zeit zum Lesen: Sommer – oder doch der Winter?

Leibrock: Ich lese zu jeder Jahreszeit. Vielleicht fördert die Bequemlichkeit im Winter das Lesen zusätzlich. Am Strand lese ich eigentlich nicht so gern: Man hat ständig Sand im Buch, macht mit Sonnenöl Flecken auf die Seiten, die Sonne blendet und auf dem Handtuch liegt es sich ziemlich hart. Aber jetzt habe ich so einen kleinen Klappstuhl geschenkt bekommen – das probiere ich aus.

Sind Sie mehr Pfarrer oder mehr Schriftsteller?

Leibrock: Ohne Literatur könnte ich nicht Pfarrer sein. Belletristik und Lyrik sind ideale Stichwortgeber für Predigten: Sie sprechen die existenziellen Probleme der Menschen an. Wenn Constantin Wecker zum Beispiel über seine Lebenskrise in den Jahren seiner Drogenabhängigkeit schreibt, über den Gott, den er in sich findet – dann ist das Meister Eckhart pur. Auf der anderen Seite bringe ich gern kirchliche Themen in meine Bücher – wenn es denn passt. Kirche ist ein Teil der Welt: Da darf dann schon mal der Pfarrer zu einem Todesfall kommen. Einen Pfarrer als Ermittler im Krimi kann ich mir aber nicht vorstellen. Das ging vor 100 Jahren – heute, mit all der Ermittlungstechnik im Labor, wäre das sehr konstruiert. Aber ein Polizeiseelsorger als Kriminalist – das würde vielleicht gehen.

Der erste Krimi von Felix Leibrock hieß "Todesblau" - hier geht es zum Artikel.

KRIMIPFARRER ON TOUR

FELIX LEIBROCK ist Pfarrer und Schriftsteller. Der gebürtige Saarländer studierte Germanistik und Geschichte und war als Buchhändler tätig. Nach seinem Theologiestudium arbeitete er als Pfarrer in Apolda und als Stadtkulturdirektor in Weimar. Heute leitet der 57-Jährige das Evangelische Bildungswerk München (ebw), spricht Andachten für Antenne Bayern und ist Seelsorger bei der Bereitschaftspolizei.

Buch-Tipp

Auf Todesblau und Eisesgrün folgt Schattenrot

SCHATTENROT heißt der aktuelle Krimi von Pfarrer Felix Leibrock. Sein dritter Weimar-Krimi - nach Todesblau und Eisesgrün - ist ab 1. September im Buchhandel erhältlich. Leser mit E-Reader sind im Vorteil: Sie können das Buch schon jetzt auf ihre Geräte laden.

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