Vera Schneevoigt gehörte in den 1990er Jahren zu den wenigen Frauen, die in einem deutschen Technologiekonzern für digitale Themen zuständig waren. Ihre berufliche Karriere führte sie von Siemens zum US-amerikanischen Konzern Unify, dann ging es zu Fujitsu Technologies, schließlich war sie viele Jahre "Chief Digital Officer" bei Robert Bosch. In den Unternehmen machte sie sich stark für technologische Veränderungen.

Dann kündigte sie 2002. Den Grund dafür schilderte sie in einem persönlichen Beitrag auf Xing: "Bereits zu Beginn des letzten Jahres deutete sich an, dass sowohl die Eltern meines Mannes als auch meine Eltern zunehmend Hilfe im Alltag brauchen werden. Alle vier sind um die 80 Jahre alt und schaffen viele Dinge nicht mehr so wie früher. Fast jeder Elternteil war in den letzten Monaten schon mindestens einmal gesundheitlich stark eingeschränkt."

Die Managerin krempelte ihr Leben komplett um - und thematisierte auch die Schwierigkeiten mit der neuen Situation. "Unternehmen müssen künftig auch diese Phase im Leben ihrer Arbeitnehmenden komplett neu denken", ist Vera Schneevoigt überzeugt.

HR-Abteilungen müssten schnellstens Modelle ersinnen und ausprobieren, die es ihren Mitarbeitenden ermöglichen, Pflegezeiten und Job miteinander zu verbinden. Wo dies nicht möglich sei, müssten sie über einen gewissen Zeitraum Ausstiegsmodelle aus dem Arbeitsleben anbieten.

"Es kann ja nicht sein, dass Sabbaticals inzwischen gang und gäbe sind, um Talente zu halten - die Pflege der Eltern aber zum Karrieraus wird. Welches Bild wirft das auf die deutsche Wirtschaft, wenn Care-Arbeit nicht entsprechend anerkannt wird?"

Vera Schneevoigt plädiert für einen "Ausstieg auf Raten". Unternehmen müssten jetzt selbst aktiv werden und sich engagieren.

Hier schreibt sie, warum sie Bosch verlassen hat, um sich um ihre Eltern zu kümmern und diese zu pflegen.

Vera Schneevoigt

Vera Schneevoigt, Jahrgang 1966, ist in Westerwald geboren. Sie wuchs in Neustadt an der Weinstraße auf, absolvierte ihr Abitur an einer Mädchenschule und machte im Anschluss eine Lehre als Industriekauffrau bei Siemens. Als Tochter eines Schweißers und Betriebsratsvorsitzendens hat sie erfahren, warum Arbeitnehmerrechte eine zentrale Säule des konsensorientierten und gemeinschaftlichen Miteinanders sind und die Basis für Veränderungsprozesse im Unternehmen bilden.

Vera Schneevoigt war bis Ende September 2022 Chief Digital Officer und Entwicklungsleiterin bei Bosch Building Technologies, einem der führenden Anbieter von Sicherheitstechnik mit rund 9.000 Mitarbeiter:innen. Sie hat ihre Vollzeit-Festanstellung gekündigt, um gemeinsam ihre Eltern und Schwiegereltern zu pflegen.

Sie lebt in Oberbayern und der Eifel und hat gemeinsam mit ihrem Mann die Patenschaft für zwei syrische Flüchtlingskinder übernommen, die unbegleitet nach Deutschland kamen.

Digitale Rebellinnen

Eine Plakat-Ausstellung über "Digitale Rebellinnen" entsteht auf dem Festival für die digitale Gesellschaft "re:publica" in Berlin. Das Projekt wurde aus über 1.300 Ideen ausgewählt und ist von 5. bis 7. Juni in der Arena Berlin zu sehen.

Hier geht es zur Übersicht mit allen "Digitalen Rebellinnen"

Die Ausstellung wird täglich live vor Ort ergänzt mit Porträts von Frauen aus der Tech-Branche. "Wir wollen mit unserer Plakat-Ausstellung Personen der digitalen Welt vorstellen und greifbar machen, die sich für Diversität, Empowerment, Ethik und Soziales stark machen", so Kuratorin Rieke C. Harmsen.

Live und vor Ort können die Teilnehmer*innen der re:publica ihre Vorschläge für Personen einreichen, die Teil der "Rebellinnen"-Ausstellung werden sollten. Hier kannst du deinen Vorschlag einreichen!

Ausgangspunkt der Ausstellung bildet die bereits bestehende Schau über "Rebellinnen". Diese zeigt eine Auswahl von über 20 Frauen aus der deutschen Geschichte - aus Politik, Gesellschaft, Kultur oder Wissenschaft. Diese wird ergänzt durch weitere Frauenportraits in einer digitalen Ausstellung.

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