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Serie "Warum ich Christ bin": Angela Merkel, Vorsitzende der CDU Deutschlands

Das Christusbekenntnis als innerer Kompass

Der Glaube an Gott und die Nähe zur Kirche haben mich von Kindheit an geprägt und beschäftigt. Dies lag nicht zuletzt daran, dass mein Vater zu dieser Zeit aktiver Pfarrer war und mit uns von Hamburg in die Uckermark nach Brandenburg zog, weil er der Überzeugung war, dass auch in der DDR gut ausgebildete Pfarrer gebraucht würden. Dort leitete er ein Seminar für den kirchlichen Dienst.

Ich bin also in einer Familie groß geworden, in der das Christliche nicht nur den Lebensort, sondern auch die Lebenseinstellung prägte. Und der Lebensort hieß Templin.

Der Waldhof, ein Areal der Stephanus-Stiftung, war im Geist der Bodelschwinghschen Anstalten aufgebaut. Dort wohnten wir. In der DDR wurde der Kirche kaum eine Bildungsaufgabe übergeben. Jeder, der als bildungsfähig galt, wurde sofort dem kirchlichen Bereich entzogen. Jeder aber, der so geistig behindert war, dass er als nicht fortbildungsfähig galt, wurde der Kirche überlassen.

Aus dieser Tatsachenbeschreibung wird deutlich, dass nichtbehinderte Menschen, die den Raum des Glaubens und der Kirche als wichtig für ihr Leben empfanden, es schwer hatten, gesellschaftlich akzeptiert zu werden. Wenn man sich in der DDR dazu entschieden hatte, sich zum Glauben zu bekennen und aktives Kirchenglied zu sein, konnte dies für einen deutliche Nachteile haben. Das betraf vor allem die Schulausbildung und die freie Studien- und Berufswahl.

Seit meiner Jugend wusste ich also, dass ich durch mein Bekenntnis zu Gott und zu seiner Kirche einem inneren Kompass folgte, der vom Staat und der Mehrheit der Bevölkerung als Richtungsweiser abgelehnt wurde. Es war auch nicht immer einfach, zu seinem Christ-Sein zu stehen. Im Gegensatz zu den meisten Jugendlichen ging ich zur Christenlehre und zum Konfirmandenunterricht und nicht zur Jugendweihe.

Durch meinen Glauben habe ich in dieser Zeit gelernt, dass es richtig sein kann, anders zu denken und anders zu entscheiden, als es andere Menschen tun. Das hilft mir heute in einer Zeit, in der allen alles gleichgültig scheint; denn es ist nicht alles gleichgültig. Das Christ-Sein und meine Erfahrungen, die ich als Christ sammeln konnte, schützten mich davor. Dafür bin ich dankbar. Es lohnt sich, sich für spezielle Ziele einzusetzen.

Die biblischen Erzählungen sind hier hervorragende Beispielgeschichten. Jesus fällt vor allem dadurch auf, dass er so ganz anders ist als die anderen, dass er quer denkt und dass er dadurch den Menschen neue Lösungen für ihre Menschheitsfragen gibt. Der Glaube an den, der so mit den Menschen umgeht, hat mir in meinen eigenen Lebensentscheidungen und meiner eigenen Lebenseinstellung immer wieder geholfen.

Mein Glaube lässt mich vieles kritisch hinterfragen manchmal sogar meinen eigenen Glauben selbst. Jesus hat das Bestehende immer kritisch unter die Lupe genommen. Er hat sich mit Zuständen nie zufrieden gegeben, weder mit weltlichen noch religiösen. Klare, eindeutige und einfache Worte hat er zu den Menschen gesprochen. Worte, die sich auf das Wesentliche beschränkt haben und das Wesentliche im Blick hatten.

"Ich wünschte mir manchmal sehr, dass die Menschen auch in meiner eigenen Partei einen offenen christlichen Umgang stärker pflegen würden."

Das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden, das war seine Stärke. Er nahm den Menschen an sich in den Blick. Er machte deutlich, dass jedem Menschenwürde zukommt, auch denen, die die Frommen als unrein bezeichneten. Dieses Denken und Handeln von Jesus Christus lohnt es, im eigenen Leben vor Augen zu haben. Und so ist der Glaube die Kraft, die mich konfliktfähig hält. Ich nehme diese Konfliktfähigkeit ernst, weil es in unseren politischen Fragestellungen keine einfachen, schnellen Lösungen auf die komplexen Fragestellungen gibt. Und ich werde immer etwas stutzig, wenn gerade Christen in den schwierigsten Fragen zu allzu schnellen Ergebnissen kommen wollen, um für sich im Reinen zu sein. Als Christ muss man manchmal auch widerstreitende Meinungen aushalten können. Dies gehört für mich zum Christ-Sein dazu.

Und deshalb sind der christliche Glaube und seine ausgebildete Kultur der Kompass, zu dem ich das Vertrauen habe, dass er die maßgebliche Richtung anzeigt. Mein Christ-Sein gibt mir Mut und Vertrauen nicht nur im privaten, sondern auch im politischen Geschäft, offen das auszusprechen, was ich denke.

Ich wünschte mir manchmal sehr, dass die Menschen auch in meiner eigenen Partei diesen offenen christlichen Umgang stärker pflegen würden. Die Zehn Gebote sind genauso unverzichtbares Fundament unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens wie das Doppelgebot der Liebe. Das Christ-Sein ist für mich daher nicht nur ein Rettungsanker in schwachen Stunden, in denen man hofft, nicht weggetrieben zu werden, sondern vor allem Gestaltungskraft in den Lebensphasen, die Impulse setzen sollen und Veränderungen bringen - denn in diesen gestaltet christlicher Glaube das eigene Leben und das der anderen mit - Gott sei Dank.

Angela Merkel



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  Angela Merkel

  "Es lohnt sich das Denken und Handeln von Jesus Christus im eigenen Leben vor Augen zu haben." Angela Merkel stammt aus einem evangelischen Pfarrhaus.
(Foto: CDU)