Schäuble mahnt Protestanten

Was können Kirche und Politik voneinander lernen? Auch dieser Frage geht der Protestant und Bundesminister Wolfgang Schäuble in seinem neuesten Buch auf den Grund.
Klein und handlich, das neuste Buch von Wolfgang Schäuble
Klein und handlich - interessante Lektüre

Der Protestant Wolfgang Schäuble sagt in seinem neuen Buch, was Kirche und Politik von der Reformation lernen können. Seine These: Wenn die Kirche politisch sein will, muss sie einen Bezug zu ihrer spirituellen Basis haben.

In der evangelischen Kirche gilt als gesetzt, dass die Kirche »politisch« sein muss, der einzelne Christ natürlich genauso. »Christen müssen sich in die Politik einmischen«, das wird nicht nur in kirchlichen Verlautbarungen unablässig gefordert, sondern mittlerweile in sehr vielen Gottesdienstpredigten – auch an Ostern und Weihnachten.

Auch Wolfgang Schäuble hat Interesse an einem politischen Protestantismus. Doch gleichzeitig kritisiert er seine evangelische Kirche, die sich »zunehmend im Gestus des ständigen politischen Bekenntnisses gefällt«. Wenn der Protestantismus politisch wirksam sein will, muss er sich jedoch auf seine religiöse Grundlagen besinnen, so Schäubles These.

»Manchmal entsteht der Eindruck«, schreibt er, »es gehe in der Evangelischen Kirche primär um Politik, als seien politische Überzeugungen ein festeres Band als der gemeinsame Glaube«.

Seiner Beobachtung nach untergräbt die Politisierung der Religion deren spirituelle Basis, »aus der doch ihre Strahl- und Überzeugungskraft erwächst«. Er nimmt außerdem wahr, dass sich Christen mit abweichenden politischen Auffassungen heute schnell ausgegrenzt fühlen.

Schäuble spricht es nicht aus, aber man ahnt, was er meint: die rot-grüne Schlagseite der EKD, die sich seit einigen Jahren personell wie programmatisch auswirkt: Wenn etwa der konservative Kandidat Günter Beckstein auch in zwei Anläufen nicht EKD-Präses werden kann oder wenn die EKD ein Familienpapier auf den Markt bringt, das wie eine Blaupause der Parteiprogramme von SPD und Grünen wirkt.

Der bekennende Protestant Schäuble sieht den Protestantismus vor einer ungewissen Zukunft. »Sinkende Mitgliederzahlen und zunehmende Überalterung zeugen von einem Akzeptanzdefizit der evangelischen Landeskirchen«, stellt er fest. Und befürchtet, dass damit auch das politische Gewicht der Kirchen abnehmen wird.

Klappentext

Weitaus bedenklicher ist jedoch aus seiner Sicht, dass damit das Ziel politischer Einflussnahme letztlich verfehlt werde. Denn die besondere Überzeugungskraft, die von religiös motiviertem politischem Handeln ausgeht, liege in dessen geistlicher, spiritueller Basis. Als Beispiele führt Schäuble Martin Luther King und Desmond Tutu an – und den evangelischen Märtyrer Dietrich Bonhoeffer. Politisch wirklich einflussreiche Protestanten der Geschichte hätten ihre Wirkungskraft stets aus dem Glauben bezogen, sagt er. Losgelöst von dem spirituellen Kern, »wird die bestgemeinte politische Programmatik schal und ihr selbstgestecktes Ziel bleibt unerreicht«.

Schäuble beleuchtet in seinem Buch mit großer Klarheit die wechselvolle Beziehungsgeschichte zwischen Evangelischer Kirche und dem Staat. Grundlegend für diese Beziehung ist für ihn das politische Agieren Luthers, um den evangelischen Glauben strukturell zu stabilisieren. Schäuble weist nach, dass Luthers Reformation deshalb zu einer extremen Politisierung der Religion geführt hat. Luther habe politisch Partei ergriffen, und das oft in aus heutiger Sicht verstörender, ja brutaler Weise«, schreibt Schäuble. Auf dem langen Weg Deutschlands in die Demokratie sei »Luthers Plädoyer für den Obrigkeitsstaat« eine Hypothek gewesen; seine »maßlosen Angriffe gegenüber Andersdenkenden« dürften nicht vergessen werden. Luther habe außerdem den konfrontativen Tonfall in die politische Debatte eingebracht und dem Freund-Feind-Denken in Deutschland den Boden bereitet.

Natürlich verschweigt Schäuble in seinem Buch nicht die positiven Wirkungen der Reformation – wie etwa die Freiheit des Gewissens und die Freiheit der Religion. Beide seien möglich geworden, weil der politisierende Reformator eine starke spirituelle Basis hatte.

Genau das kann seiner Ansicht nach heute die Kirche von der Reformation lernen. Schäubles Buch ist letztlich ein Beitrag zu seinem übergeordneten Anliegen: »Ein starker und selbstbewusster Protestantismus ist für die deutsche Demokratie von großer Bedeutung.«

BUCHTIPP: Wolfgang Schäuble: Protestantismus und Politik, Claudius Verlag München 2017, 56 Seiten, Hardcover, 7 Euro. Bestelltelefon: (089) 121 72-119.

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