Digitale Kirche: Vorlesungsreihe der LMU-Theologen

München — 
»Digitalisierung und Kirche«: darum geht es an drei Terminen vor Weihnachten in einem Seminar für Theologie-Studenten der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Was bedeutet das Doppelleben vieler Menschen in der realen und virtuellen Welt für den Umgang der Kirchen mit ethischen Themen, für Seelsorge und Gottesdienst?
Dekan Professor Albrecht und Anselm
Der Dekan der Evangelisch-Theologischen Fakultät Christian Albrecht (links) und sein Kollege Reiner Anselm, Professor für Ethik, am Lehrstuhl für Systematische Theologie der LMU in München

Warum bieten Sie ein Seminar zum Thema »Digitalisierung und Kirche« an?

Albrecht: Wir interessieren uns dafür, wie die Herausforderungen der Digitalisierung durch die Kirche so bewältigt werden können, dass sie möglichst viel dazugewinnt und ihr wenig verloren geht. Denn auf den ersten Blick beißt sich das: Eine Kirche, die vor allem in der Fläche und in den Gemeinden Präsenz zeigt – und auf der anderen Seite die Digitalisierung, durch die Menschen miteinander in Verbindung treten, obwohl sie nicht physisch, sondern nur virtuell beisammen sind. Und trotzdem wird die Kirche nicht umhinkommen, Formen der digitalen Kommunikation mit ihren Mitgliedern und auch in geistlichen Angelegenheiten umzusetzen.

Anselm: Fast alle Fragen gesellschaftlicher Transformation haben in irgendeiner Weise Auswirkungen auf die Kirche. Und sie beschäftigen auch die praktische Theologie und theologische Ethik. Dass die Digitalisierung Veränderungen in der Gesellschaft nach sich zieht, steht außer Frage. Uns interessiert allerdings, ob diese Veränderungen steuerbar oder verstärkbar sind. Dass dies nun auch im PuK-Reformprozess der bayerischen Landeskirche Thema geworden ist, zeigt, dass es tatsächlich relevant ist und von der Kirche bedacht wird.

 

Ist die Kirche nicht ein bisschen spät dran damit zu überlegen, wie sie mit Digitalisierung umgehen kann?

Anselm: Es gibt eine Reihe an Initiativen, die Aktivitäten in diese Richtung verfolgen. Uns interessiert aber mehr die Frage, wie man sich dem Phänomen kirchentheoretisch nähern kann, und nicht: ‚Wie ist Kirche im Internet präsent?‘ Das scheint mir auch extrem schwer zu bearbeiten. Denn wo sollte man da anfangen? Bei der WhatsApp-Gruppe der Evangelischen Jugend München Süd oder bei der Facebook-Seite eines Freizeitenheims?

Albrecht: Die Kirche und die praktische Theologie befassen sich schon länger mit digitalen Themen und den entsprechenden Herausforderungen. Aktuell kommen aber mehrere Faktoren zusammen: eine gesteigerte gesellschaftliche Dynamik, ein zunehmender technischer Fortschritt und – ob man es will oder nicht – Sparprozesse in der Kirche. Aus diesem Grund gewinnt das Thema gerade jetzt an Fahrt.

 

Wie sehr müssen sich theologische Fakultäten auf einen Wandel in der Ausbildung von Theologen einstellen, um sie auf den Umgang mit der digitalen Welt vorzubereiten?

Anselm: Das müssen wir auf jeden Fall! Medienethik ist schon lange ein fester Bestandteil des Studiums, der sich in seinen Gegenstandsbereichen aber auch stark verändert. Es gibt womöglich Felder, die wir noch zu wenig vor Augen haben wie zum Beispiel Computerspiele oder die Verkündigung in den neuen Medien. Eine viel größere Rolle spielt meiner Ansicht nach aber die Veränderung in der Wissensstruktur der Menschen durch Digitalisierung. Bisher denken wir stark in Abhängigkeiten, strukturieren unser Wissen über die Zeitachse oder Personen. Aber die Gleichzeitigkeit von verschiedenen Perspektiven unabhängig vom Ort und die Frage, wie man damit umgeht, ist eine echte Herausforderung, auch für die Theologie als Disziplin. Damit ist sie zwar nicht alleine, aber sie hat durch die Kirche einen mächtigen Praxis-Kontext und muss sich folglich in ganz besonderer Weise damit auseinandersetzen.

Albrecht: Das, was man früher Publizistik nannte, wandelt sich zu einer Theorie medialer Kommunikation und damit ist auch sehr viel mehr als früher gemeint. Im Blick auf die Dominanz neuer und digitaler Medien wird die Ausbildung der Pfarrer und Lehrer sehr viel stärker darauf ausgerichtet. Das heißt nicht, dass wir ihnen den Umgang mit neuen Medien beibringen wollen – das können die jungen Menschen in der Regel viel besser als wir und wenn sie die Universität verlassen haben, hat sich da schon wieder furchtbar viel verändert. Es geht vielmehr um die Frage, wie kommunikative Prozesse und die Omnipräsenz sozialer Medien die Wahrnehmung von Personen, ihre Selbstwahrnehmungen und Selbstpräsentationen verändern und wie sie künftig unterscheiden zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, virtueller und realer Welt.

 

Digitalisierung & Kirche

Vorlesungsreihe

Die Veranstaltungsreihe zum Thema »Digitalisierung und Kirche - Systematisch-theologische und Praktisch-theologische Perspektiven« ist jeweils am  Montag von 16-20 Uhr. Die nächsten Termine sind am 4.12.17 und am 18.12.17.

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