Medientage München: Acht Trends im Journalismus

München — 
Wie Journalisten mit dem Vertrauensverlust umgehen können und warum Spracherkennung der neue Trend in der Medienbranche wird.
Rob Orchard Medientage München
Slow-Journalism-Erfinder Rob Orchard auf den Medientagen in München.

Die Medientage in München sind ein guter Ort, um Veränderungen in der Medienbranche zu beobachten. Bei den 31. Medientagen Ende Oktober 2017 unter dem Titel »Media, Trust, Machines« ging es vor allem um das Thema Vertrauen. Natürlich habe ich von dem dreitägigen Programm mit rund 500 Speakern nur einen kleinen Ausschnitt mitbekommen.

Meine acht wichtigsten Erkenntnisse:

1. Medienhäuser müssen den Vertrauensverlust ihrer Leserinnen und Leser ernst nehmen.

Standen wir Journalisten früher auf einem Hügel und verkündeten Nachrichten mit dem Megaphon, so müssen wir uns heute unter ihre Leserinnen und Leser mischen, gut zuhören und uns dann an die Arbeit machen – also recherchieren, prüfen, einordnen und publizieren.

Dass sich Qualitätsjournalismus durchsetzen kann, zeigt der »Slow Journalism« von Rob Orchard. Für das gleichnamige Print- und Onlinemagazin machen sich die Reporter auf die Suche nach den Geschichten hinter den Geschichten. »Wir wollen Geschichten erzählen, die wir selbst vermisst haben«, sagt Orchard.

Die Journalisten lassen sich Zeit für die Recherche und bereiten den Stoff sorgfältig auf: Ein Reporter verbrachte zum Beispiel vier Wochen an der amerikanisch-mexikanischen Grenze und sprach mit Befürwortern und Gegnern der US-Grenzpolitik. Ein anderer ging der Frage nach, wie es in Köln aussieht – ein Jahr nach den Übergriffen am Bahnhof. Das Slow-Journalism-Magazin setzt auf eine Nische mit exklusiven Inhalten. Das scheint zu funktionieren, denn Orchard zufolge zählt das Magazin inzwischen 28.000 Abonnenten.

2. Anzeigenformate schaden Online-Zeitungen oft mehr, als dass sie ihnen nutzen.

Ich ärgere mich immer, wenn auf einer Webseite eine Anzeige hochpoppt und den Bildschirm versperrt. Ich störe mich auch an Texten, die nur im Kleingedruckten ihre  Identität als „sponsored content“ enthüllen. Das geht offenbar vielen Nutzern ähnlich. Einige Startup-Firmen setzen inzwischen auf Inhalte und verzichten komplett auf Anzeigen. Das zahlt sich offenbar aus – und ermöglicht eine Konzentration auf journalistische Inhalte statt auf kostenintensive Marketing-Software und Vertriebsabteilungen.

Magazin de Correspondent

Das niederländische Magazin »de Correspondent« hat innerhalb von vier Monaten rund 58.000 zahlende Nutzer gewonnen und beschäftigt inzwischen 45 Vollzeit-Redakteure. Mayke Blok, Head of Growth, berichtete auf den Medientagen vom Erfolgrezept des Magazins: Es betrachtet seine Leser als Experten und nutzt deren Wissen für die Erst-Recherche. Anzeigen gibt es bei »de Correspondent« nicht, stattdessen werden ausgewählte Beiträge von Leserinnen und Lesern veröffentlicht. Die Redaktion hat ein Manifest verfasst, das unter anderem Unabhängigkeit, Tiefenschärfe und Anzeigenfreiheit festschreibt.

De Correspondent Medientage München

Magazin Zetland

Auch das Magazin »Zetland« aus Dänemark verzichtet auf Anzeigen. Die Online-Zeitschrift veröffentlicht täglich zwei bis drei gut recherchierte Geschichten, die einen Sachverhalt erklären oder ein Thema analysieren und einordnen. Rund 8.500 Menschen haben das für Smartphones optimierte Magazin für 13,30 Euro monatlich abonniert.

Das Team von »Zetland« setzt auf radikale Transparenz: Einnahmen und Ausgaben, Planungen und Ideen werden über die Webseite und soziale Medien in der Community kommuniziert. Große Events mit einer bunten Mischung aus Lesungen und Musik binden das Publikum an die Redaktion – und erweisen sich zugleich als effektive Marketing-Methode, um weitere LeserInnen zu akquirieren.

Zetland Medientage München

3. Bewegtbild ist Pflichtprogramm für jede Redaktion.

Videos gehören längst zum Medienmix der Online-Nutzung. Das haben auch Plattformen wie Facebook begriffen. Die »Deutsche Welle« nutzte Facebook Live und konnte die Reichweite während der Bundestagswahl über die Live-Berichterstattung massiv erhöhen.

Wie Ellen Schuster, Head of Digital Programming Deutsche Welle, erklärte, ist Facebook Live kein Format, sondern ein völlig neuer Ausspielweg mit vielfältigen Möglichkeiten. So konnten die Nutzer Umfragen und Interviews verfolgen und über ihre Fragen und Kommentare gezielt Einfluss nehmen auf die Inhalte.

Die Redakteure profitierten wiederum von der Interaktion mit den Zuschauern. Das ist allerdings nur möglich mit hochwertigem Journalismus, wie Schuster betont: »Wichtig für Live-Berichterstattung ist eine professionelle Vorbereitung, eine gute Ausrüstung, genügend Personal und ein nachhaltiger Einsatz des Formats«.

Ellen Schuster

4. Journalisten sollten authentisch sein – dann finden sie ihr Publikum.

»Sei authentisch, erzähle von deinen persönlichen Erfahrungen, sei ehrlich, dann hören dir die Menschen gerne zu«, sagt der erfolgreiche britische Radiomoderator Christian O`Connell. Täglich moderiert der Journalist rund vier Stunden die Christian O´Connell Breakfast Show bei Absolute Radio in London. In seiner Sendung ruft er spontan Tony Blair an oder spricht mit Liam Gallagher.

»Mein Geheimnis? Ein gutes Interview bedeutet vor allem Zuhören«, sagt O'Connell zu seiner Frühstücks-Sendung. Zur Inspiration schaut sich der Moderator außerdem regelmäßig in anderen Branchen um, bei Theater, Comedy oder im Management von Unternehmen. Mit den Jahren habe er außerdem gelernt, öffentlich über Emotionen und Gefühle zu sprechen.

O Connolly

Radiomoderator O'Connolly plädiert für Vielfalt

»Persönliche oder peinliche Erlebnisse schaffen eine große Nähe zum Publikum«, weiß der Moderator. Dann erzählt er, wie er aufgrund eines zu starken Kaffees auf der Bühne in die Hose gemacht hat. Ich frage mich, wie oft er die Geschichte schon erzählt hat, denn die Pointen sind gut gesetzt und sorgen für Lacher.

Außerdem verknüpft er die Anekdote gleich mit einer weiteren Lektion: Gute Journalisten müssten sich nicht vor der Zukunft fürchten, wenn sie die Vielfalt der Formate zu nutzen wissen. O'Connell hat sein Talent als Showmaster erkannt und steht inzwischen regelmäßig auf Comedy-Bühnen.

5. Unternehmen wie Google und Facebook sind verlegerische Plattformen, die ernst genommen werden müssen.

Facebook präsentierte sich auf den Medientagen in zwei Räumen und stellte sein Facebook Journalism Projekt vor. Letztendlich geht es dem Unternehmen vor allem darum, Journalisten im Umgang mit ihrer Plattform zu schulen – und sie zu Autoren des Netzwerks zu machen.

Auf den Medientagen bot das Unternehmen eine Vielzahl von Workshops, Vorträgen und Fragestunden an. Einzige Bedingung: Wer den Raum betrat, sollte sofort eine Visitenkarte abgeben und einen Fragebogen ausfüllen. Big Data lässt grüßen.

6. Initiativen und Medienhäuser müssen Einfluss nehmen auf Plattformen.

Manche Player der Medienbranche ändern angesichts der Omnipräsenz von Google und Facebook ihre Strategie. Der US-amerikanische Journalist Dan Gillmor gehörte bislang zu den Kritikern von Facebook. Er ist der Ansicht, dass die Zentralisierung der Information in den Händen weniger Unternehmen ein Schaden ist für die Demokratie. »Früher brauchten wir keine Genehmigung, um uns zu äußern, etwas zu teilen oder etwas zu erfinden. Doch bald könnte es dazu kommen, dass wir um Erlaubnis bitten müssen, wenn wir etwas publizieren wollen«, sagt Gillmor.

Dan Gillmor Medientage München

Dan Gillmor: Projekt News Co / Lab

Deshalb geht Dan Gillmor, Professor für »Digital Media Literacy« der Arizona State University‘s Walter Cronkite School of Journalism and Mass Communication nun mit Facebook eine Allianz ein, um sein Projekt News Co/Lab voranzutreiben.

Das Projekt von Dan Gillmor zielt auf eine »News literacy« und möchte Online-Nutzer eine kritische Mediennutzung beibringen. Die Initiative zielt auf verschiedene Ebenen – Technologie, Journalismus, Wissenschaft, Bildung und Wahrnehmung – und will Innovationen fördern, die für Transparenz, Vertrauen und Respekt sorgen. Das ist spannend und könnte einen wichtigen Gegenpunkt setzen zur Allmacht der Plattformen. Die Kehrseite: Facebook gehört zu Gillmors Geldgebern und hat sich damit das Recht erkauft, die Ergebnisse seiner Arbeit nutzen zu dürfen.

7. Spracherkennung und automatisierte Nachrichten sind der nächste Trend.

Mehr als 20 Prozent aller Google-Suchanfragen werden laut Google-Deutschland-Vizepräsident Phillip Justus inzwischen über die Spracherkennung gestellt. Es wird nicht mehr lange dauern, bis wir über die Sprache einen Flug buchen, den Kühlschrank füllen, unsere Heizung oder ein Fahrzeug steuern.

Auf den Medientagen warb Phillip Justus für die  »offenen Plattformen« von Google und erklärte, er wünsche sich weitere Partnerschaften mit Unternehmen, um Innovationen voranzutreiben und weitere »Wachstumsimpulse« zu setzen. Zugleich kritisierte Justus den »Reflex«, mit dem auf jede Innovation mit »Regulierungsbeschränkungen« begegnet werde.

Ulrich Gathmann

Roboterjournalismus bei der Nordwest-Zeitung

Die Nordwest-Zeitung aus Oldenburg nutzt bereits Computer, um automatisch Standardnachrichten zu Fussballergebnissen und Wetteraussichten zu erstellen. »Warum sollten wir keine strukturierten Daten nutzen, um Nachrichten zu erzeugen, wenn wir damit Zeit gewinnen für andere journalistische Aufgaben«, sagte Ulrich Gathmann, Geschäftsführer der Nordwest-Zeitung.

Roboterjournalismus muss keine Angst machen; vielmehr soll die Maschine bestimmte Aufgaben übernehmen. Die Zeitung hat eine Beteiligung an der Firma AX Semantics, die Software für Special-Interest-Artikel entwickelt. Die computerbasierten Texte sind kaum noch zu unterscheiden von redaktionellen Beiträgen.

8. Fazit: Warum es globaler Regelungen bedarf

Amazon und Google werben mit Sonderangeboten und Aktionen für ihre »smarten« Lautsprecher wie »Google Home« oder »Echo«. Ob Schlafzimmer, Kinderzimmer, Bad oder Küche: Bald wird es keinen einzigen Raum mehr geben, in dem wir nicht potenziell über Sprachsteuersysteme abgehört werden können. Auch dieser Trend ist unumkehrbar.

Natürlich bieten diese Systeme Vorteile: Als Senioren können wir uns ein Buch vorlesen lassen, diverse Geräte steuern und uns den Alltag erleichtern. Doch was geschieht, wenn Algorithmen zunehmend die Systeme steuern? Wenn selbststeuernde Fahrzeuge entscheiden, ob sie in einer Notsituation ein Kind überfahren oder in eine Menschenmenge rauschen?

Für einen digitalen Weltgerichtshof

Der Wandel ist rasant. Gerade deshalb ist es wichtig für unsere Gesellschaft – für jeden von uns – technologische Entwicklungen kritisch zu begleiten, aber auch konstruktiv mitzugestalten. Wenn nationale Grenzen obsolet werden, müssen wir überlegen, wie die Privatsphäre weiterhin geschützt bleibt und die Menschenrechte gewahrt werden können.

Auf den Medientagen hat sich gezeigt, dass es neue digitale Kommunikationsräume gibt und sich die Interessen sowohl der Nutzer als auch der Anbieter immer weiter ausdifferenzieren. Jetzt gilt es, globale Institutionen und Regelungen voranzutreiben, die diesen Prozess kontrollieren und, wenn nötig, steuern. Denkbar wäre zum Beispiel ein »digitaler Weltgerichtshof«, der Gutachten erstellt und im Zweifelsfall auch globale Urteile fällen kann.

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