22.12.2017
Einsamkeit, Familienstreit

Münchner Insel hilft bei Weihnachtskrisen

München — 
Einsamkeit, Familienstreit: Für persönliche Nöte ist die Münchner Insel offen – gerade nach Weihnachten. Wie man klassische Konfliktsituationen schon frühzeitig entschärfen kann, erklärt Tilmann Haberer von der Beratungsstelle »Münchner Insel« im Marienplatz-Untergeschoss.
Tilmann Haberer
»Gott ist mitten in unserem Alltag – nicht in außergewöhnlicher Harmonie, sondern in allen Konflikten«: Tilmann Haberer plädiert dafür, hohe Erwartungen an Weihnachten fallen zu lassen.

Merken Sie in der Beratungsstelle etwas von Weihnachten?

Haberer: Es gibt keine spürbaren weihnachtsspezifischen Probleme, die Menschen kommen wie immer vor allem wegen persönlichen Krisen, psychischen oder juristischen Problemen zu uns. Ich glaube, vor Weihnachten sind alle noch so beschäftigt, dass sie sich kaum Zeit für sich nehmen – obwohl der Advent ja eine Zeit der Besinnung sein soll. Allerdings kommen einige zu uns, die wissen, dass wir eine Liste mit Angeboten für Alleinstehende an den Feiertagen haben. Einsamkeit ist in einer Stadt wie München ein großes Thema.

Warum ist Weihnachten emotional mit so vielen Erwartungen überfrachtet?

Haberer: Das Bild der Heiligen Familie bringt die Erwartung von heiler Familie mit. Die meisten Künstler stellen ja Josef, Maria und das Kind wie einen Kern, eine Einheit in himmlischer Harmonie dar. Alle Menschen sehnen sich nach Harmonie. Also hoffen alle, dass beim großen Familienfest »Weihnachten«, zu dem die Menschen zum Teil quer durch Deutschland reisen, alles harmonisch abläuft. Leider klappt das nicht immer. Das merken wir dann in der Beratungsstelle. Zwischen den Feiertagen haben wir deshalb die volle Besetzung in der Münchner Insel.

Wie könnte man der Erwartungsfalle an Weihnachten entkommen?

Haberer: Man könnte versuchen, die großen Erwartungen fallen zu lassen, oder man trifft sich gleich an einem anderen Tag, der nicht so überfrachtet ist. Man könnte vorab Absprachen treffen oder ganz bewusst mit Traditionen brechen. Meist wird Weihnachten ja so gefeiert, wie man es schon als Kind gewohnt war. Wenn dann zwei Traditionen in einer Beziehung aufeinanderprallen, tun sich Konflikte auf: Hängt am Christbaum Lametta oder Kugeln? Gibt es die Gans an Heiligabend oder am 1. Feiertag? Das sind tief sitzende Erinnerungen, die stark prägen. Solche Diskussionen sollte man aber am besten schon im Juli führen.

Worum geht es an Weihnachten eigentlich?

Haberer: Um den »heruntergekommenen Gott«. Darum, dass Gott mitten in unserem Alltag gegenwärtig wird – gerade nicht in außergewöhnlicher Harmonie, sondern in aller Armut, in allen Konflikten. Er kommt eben nicht in einem goldenen glitzernden Palast zur Welt, sondern in einem einfachen Stall.

Wie könnte man das umsetzen?

Haberer: In der Logik von Weihnachten müssten wir uns an Heiligabend jemanden einladen, der einsam ist, den man sonst nicht einladen würde. Das kann der ungeliebte Verwandte sein oder eine alleinerziehende Mutter, die man aus dem Kindergarten kennt. Tatsächlich wird Weihnachten oft genau andersherum gefeiert: Alles ist ausgeschlossen, was nicht zur engsten Familie gehört. Dabei waren die Hirten und die Könige ja auch keine Familienmitglieder, sondern ungebetene Gäste.

 

Hilfe im Notfall

Wer über die Feiertage in Not gerät oder jemanden zum Reden braucht, findet in folgenden evangelischen Einrichtungen Hilfe:

Die Evangelische Telefonseelsorge ist rund um die Uhr unter der kostenlosen Telefonnummer (0800) 111 0 111 erreichbar, auch an Sonn- und Feiertagen.

Zudem hat die Bahnhofsmission, Hauptbahnhof Gleis 11, 24 Stunden und an allen Tagen im Jahr geöffnet.

Die ökumenische Krisen- und Lebensberatungsstelle Münchner Insel am Marienplatz/Untergeschoss ist an den Werktagen zwischen den Jahren für Ratsuchende offen: Montag bis Freitag 9 bis 18 Uhr, Donnerstag 11 bis 18 Uhr. Dort erhalten Menschen, die Weihnachten nicht alleine feiern möchten, auch Tipps für Weihnachtsfeiern von kirchlichen und anderen Stellen. Infos unter Tel. (089) 22 00 41.

Share Facebook Twitter Google+ Share

Weitere Artikel zum Thema:

Sonntagsblatt