11.12.2016
Sonntagsblatt-Sprechstunde

Mutter zahlt es dem pflegebedürftigen Vater heim

Im Alter haben sich die Machtverhältnisse in einer spannungsreichen Ehe umgekehrt. Was tun?

Meine Eltern haben immer eine spannungsreiche Ehe geführt. Dabei war mein Vater sehr pampig zu meiner Mutter und hat sie oft herabgesetzt. Auch vor anderen Leuten.

Jetzt scheinen sich die Rollen umgedreht zu haben. Mein Vater, beide sind in den Siebzigern, ist seit einigen Monaten ein Pflegefall. Er liegt zu Hause, ein ambulanter Dienst der Diakonie kommt alle zwei Tage und versorgt ihn. Ansonsten hängt alles an meiner Mutter, die selbst nicht mehr gesund ist. Ich wohne mit meiner Familie weit weg, bemühe mich aber, mindestens einmal im Monat meine Eltern zu besuchen und ihnen dabei zur Hand zu gehen.

Nun beobachte ich, dass meine Mutter oft ziemlich rabiat mit meinem Vater umgeht. Sie schreit ihn an, kneift ihn, wenn er ihr zu langsam ist oder zieht ihn beim Kämmen an den Haaren. Feingefühl und Rücksichtnahme auf diesen kranken Mann sehe ich wenig.

Manchmal habe ich den Eindruck, meine Mutter wolle ihm all das heimzahlen, was sie über so viele lange Jahre erdulden musste. Damals hatte ich mir oft gewünscht, sie würde sich wehren, würde auch einmal Kontra geben, jetzt scheint ihr Anteil fast nur noch aus Kontra zu bestehen. Manchmal möchte ich sie schütteln! Mein Vater war mir nie besonders nahe, aber jetzt tut er mir leid, und ich würde gern zwischen meinen Eltern vermitteln.

Frau F.

Wenn Sie vermitteln wollen, dann müssen Sie beide Seiten wahrnehmen und würdigen. Da ist Ihr Vater, früher einmal sehr von oben herab, jetzt aber krank und auf Hilfe angewiesen. Da ist Ihre Mutter, selbst nicht mehr gesund, die bis an ihr Limit und wohl auch darüber hinaus gefordert ist. Die tägliche Belastung und die jahrelangen Verletzungen wirken zusammen und führen zu den kleinen Bosheiten.

Was tun? Vielleicht gelingt es Ihnen, den Schüttelimpuls erst an die zweite Stelle zu setzen und an die erste Stelle eine Anerkennung für das, was Ihre Mutter täglich bewältigt. Sich dafür zu interessieren, wie sie mit dem ganzen Stress zurecht kommt und wie es ihr geht, wenn sie mit ihrer Kraft an eine Grenze kommt.

Wenn Ihre Mutter solche Zuwendung spürt, entsteht vielleicht auch Raum für Sätze wie »Ich habe den Eindruck, du bist manchmal wirklich am Ende« oder noch direkter »Wenn man so völlig am Limit ist, dann passieren auch Dinge, die nicht so schön sind« oder gar noch einen Schritt weiter »Wie ist das für dich? Vater war ja früher oft sehr pampig zu dir, und jetzt liegt er hilflos da und braucht dich. Kann es sein, dass er manchmal das Gefühl bekommt: Jetzt zahlt sie mir alles heim?«

Wenn es gelingt, so miteinander zu reden, dann wird es nicht auf ein bloßes Schütteln hinauslaufen, sondern auf ein gemeinsames Nachdenken: Was lässt sich für Mutters Entlastung tun? Sind die Möglichkeiten der Tages- oder Kurzzeitpflege schon ausgeschöpft? Wie bekommt sie immer wieder auch ein bisschen Abstand, regelmäßig einen freien Tag? Wer interessiert sich für ihre Gefühle?

Dazu können Sie sich auch die Unterstützung der Diakonie erbitten. Dort hat man viel Erfahrung. Sie könnten sich zusammensetzen und miteinander überlegen, was die Situation erfordert.

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