01.10.2017
Hospizarbeit

Sägebrecht: »Niemand soll alleine sterben«

München — 
Vor dem Tod hat Marianne Sägebrecht keine Angst: Schon als Kind besuchte sie Sterbende und Verstorbene auf dem Totenbett. Seit Jahren setzt sie sich mit Lesungen und in der Hospizarbeit dafür ein, dass der Tod wieder einen Platz im Leben der Menschen bekommt.
Marianne Sägebrecht.
»Bevor man aus dem Leben geht, hat man noch viel zu tun«: Marianne Sägebrecht engagiert sich in der Hospizarbeit.

Bodenständig, unbestechlich und eigenwillig: Marianne Sägebrecht gilt vielen als oberbayerisches Unikum. 1945 am Starnberger See geboren, heiratete die medizisch-technische Assistentin mit 19 Jahren und bekam eine Tochter. Sägebrecht führte Künstlerkneipen in Starnberg und Schwabing und kam so zum Film. Nach dem Kultfilm »Out of Rosenheim« spielte sie in Hollywood-Produktionen wie »Der Rosenkrieg« und neben Filmgrößen wie John Malkovitch und Michel Piccoli. Immer wieder ließ sie aber auch Anfragen von Stars wie Woody Allen abblitzen. Zuletzt hat Sägebrecht den dritten Kinofilm von »Petterson und Findus« abgedreht, der 2018 in die Kinos kommt. Beim Christophorus Hospiz Verein engagiert sich die 72-Jährige seit einem Jahr als Patin für die Hospizarbeit.

 

Frau Sägebrecht, welche Begegnungen mit dem Sterben hatten Sie in Ihrem Leben?

Sägebrecht: Schon als ich 13 Jahre alt war, hat mich unser Kaplan mit ins Krankenhaus zu Sterbenden genommen. Er hat zu mir gesagt: »Marianne, Du hast so eine schöne Stimme und eine beruhigende Wirkung.« Also bin ich mit zur letzten Ölung. Ich habe nie Angst vor dem Tod gehabt. Mich haben diese Begegnungen ganz erfüllt.

Bei uns auf dem Dorf waren auch die Rituale ganz anders, man hat seine Toten aufgebahrt, und dann durften wir alle kommen, und die alte Bäuerin berühren und küssen. Das war ganz natürlich, ganz selbstverständlich! Heute sterben so viele Menschen allein im Krankenhaus – das ist für mich das Schlimmste! Die liegen dann so klein und fein in ihren Betten, wie alte Babys. Bei der Geburt gibt es die Hebammen – ich finde, es müsste auch beim Sterben jemand geben, der einen begleitet.

Das machen die Mitarbeiter in den Hospizen…

Sägebrecht: Ja, deshalb bin ich seit einem Jahr Patin des Christophorus Hospiz Vereins. Allein in München hat der Verein 59 Ehrenamtliche. Viele Frauen, aber auch Männer und junge Leute machen die schwierige Ausbildung zum Hospizhelfer. Dann gehen sie ins Hospiz oder in die Familien und reden mit den Menschen, lesen vor, sind einfach da. Sie begleiten die Familien seelisch, und sie wissen, wie man durch palliative Behandlung Schmerzen lindern kann. Das muss auf lange Sicht einfach mehr werden! Und das müssen die Menschen ehrenamtlich leisten, der Staat wird das nicht machen.

Warum ist es besser, im Hospiz zu sterben?

Sägebrecht: Im Krankenhaus zu sterben, ist Stress. Ich habe schon erlebt, dass Sterbende in den Abstellraum geschoben wurden, wo der Besen an der Wand hängt, weil die Pflegekräfte – und das ist kein Vorwurf – einfach keine Zeit hatten. Das kann nicht angehen, da müssen wir entlasten! Denn bevor man aus dem Leben geht, hat man noch viel zu tun. Man muss den anderen vergeben, sich selbst vergeben, sich versöhnen. Das ist die Vorbereitung auf die große Reise. Im Hospiz findet man dafür Ruhe und Frieden und Menschen, die einen seelisch begleiten.

Sie haben seit sechs Jahren eine eigene Lesungsreihe mit dem Titel »Lieder und Gedichte vom Sterben fürs Leben«, jetzt machen Sie beim Konzert »Letzte Lieder« in der Münchner Lukaskirche mit. Taugt das Thema für den Konzertsaal?

Sägebrecht: Aber ja. Das ist wie eine Messe. Ich muss das mit voller Seele vertreten, sonst ist es unglaubwürdig. Aber dann ist es eine besondere Stimmung. Das Publikum ist ganz zärtlich miteinander. Viele gehen aus der Lesung raus wie auf Wolken und kehren zurück zum Leben. Wir müssen den Tod nicht immer so wegschieben, wir sollten ihn lieber mit an den Tisch nehmen. Jeder Tag, der vergeht, stirbt. Wenn der Winter kommt, stirbt scheinbar die Natur, bevor sie im Frühjahr wieder voll zum Leben erwacht. Manchmal stirbt auch die Liebe zu einem Menschen.

Wir können das nicht trennen: hier ist das Leben, da der Tod. Es gehört alles zusammen. Man erlebt bei diesen Abenden die Fülle des ganzen Kosmos und geht mit Kraft und Mut wieder raus ins Leben. Und das Wichtigste: All diese Menschen, deren Geschichten erzählt werden, waren nicht allein. Andere haben sie beschützt und begleitet. So konnten sie geborgen in die andere Dimension gehen.

CD-Tipp

»Sterbelieder« von Marianne Sägebrecht und Josef Brustmann

Die »Sterbelieder« von Marianne Sägebrecht und Josef Brustmann gibt es auch auf CD: Kunstmann Verlag, ISBN 978-3-888976957, 11.95 Euro

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Was ist das für Sie: die andere Dimension?

Sägebrecht: Ich glaube, dass wir nach dem Tod ins Licht gehen. Es gibt so viele Berichte von Menschen, die man wieder zurückgeholt hat, die alle davon erzählen, dass da erst ein Tunnel kommt und dann das Licht. Der Pfarrer meiner Kindheit hat gesagt: Nach dem Tod geht die Seele erst durch einen Tunnel, dort sieht sie nochmal ihr ganzes Leben. Sie muss es anschauen, kann aber nichts machen. Und danach kommt sie ins Licht, wo die verwandten Seelen warten, eine freie Dimension…

Diese Vorstellung von Hölle und Himmel gefällt mir. Natürlich baut das alles auf Glaube auf. Ich respektiere, wenn jemand nicht an eine Seele oder an eine Dimension nach den Tod glaubt. Aber für die Menschen, die an nichts glauben, ist es besonders wichtig, dass sie nicht alleine sterben. Denn wenn sie an den Punkt des Übergangs kommen, ist die Seele ja trotzdem da. Dann wird es manchmal schwer, loszulassen und zu gehen.

Die Hospizbewegung hat in den letzten Jahren immer mehr Akzeptanz in der Gesellschaft gefunden. Was ist noch zu tun?

Sägebrecht: Wir gehen geheimnisvoll in eine bessere Zeit: Vom goldenen Kalb zum goldenen Herz, wir sind mittendrin. Für diese Überzeugung werde ich immer verlacht, aber ich höre nicht mehr auf die, die immer nur negativ reden. Egal, ob es ums Klima geht, um Flüchtlinge oder ums Sterben: Wir können alle Anteil nehmen, wenn wir alle zusammen helfen. Die Menschen haben keine Angst vor dem Tod, sondern davor, dass sie alleine sterben müssen.

Fit bis zum letzten Tag – diesen Werbeslogan finde ich furchtbar! Natürlich wünsche ich mir körperliche Fitness und geistige Wachheit bis zum Schluss, aber der Slogan ist doch Wahnsinn! Es geht doch nicht immer nur um die Materie – wichtig ist die Versöhnung! Wir müssen mit Distanz, Vorsicht und Liebe die Versöhnung in Bewegung bringen, damit die Menschen in Frieden auf die letzte große Reise gehen können.

Welche Rituale gefallen Ihnen beim Thema Sterben und Tod besonders?

Sägebrecht: Eine schöne Beerdigung finde ich wichtig. Jeder Mensch hat eine Aussegnung verdient und zumindest ein Taferl, auf dem sein Name steht und wann er gekommen und gegangen ist. Ich finde es schön, wenn die Freunde und Familien nach der Beerdigung noch zusammensitzen und auf den Verstorbenen anstoßen. Dann erzählt jeder die Geschichten, an die er sich erinnert. In Mexiko oder im jüdischen Glauben geht es bei Beerdigungen viel lebendiger zu, da wird das Leben gefeiert! Wir sind mehr so Trauerklöße. Aber wer zurückbleibt, trauert mehr, als der, der gegangen ist: Seine Seele ist ja schon im Licht.

Sterbelieder fürs Leben

Sterbelieder fürs Leben heißt die Lesungsreihe, mit der Marianne Sägebrecht seit sechs Jahren durch Deutschland tourt. Begleitet vom Musiker Josef Brustmann liest sie Gedichte bekannter und unbekannter Schriftsteller.

Der nächste Termin in Bayern ist am 19. November in der Auferstehungskirche in Icking bei München.

HOSPIZBEWEGUNG

CICELY SAUNDERS gründete 1967 das St. Christopher's Hospice in London. Die Ärztin knüpfte an die Tradition der Pilgerherbergen an, die ab dem Ende des 4. Jahrhunderts entlang der Pilgerrouten in ganz Europa entstanden und sowohl gesunden als auch kranken Pilgern Gastfreundschaft boten. Saunders Engagement transportierte die moderne Hospizbewegung in viele Länder in Europa und der Welt. In den 1980er-Jahren wurden auch in Deutschland die ersten Einrichtungen gegründet. Einen Großteil der Arbeit leisten ausgebildete ehrenamtliche Hospizhelfer.

EIN NETZ VON HOSPIZANGEBOTEN hat sich in den vergangenen 30 Jahren in Deutschland ausgebreitet. Nach Angaben des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands (DHPV) gibt es derzeit rund 1500 ambulante Einrichtungen, 221 stationäre Hospize für Erwachsene, 14 Kinderhospize, 304 Palliativstationen und über 295 Teams der speziallisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV). 

PALLIATIVMEDIZIN stellt die persönlichen Bedürfnisse von Menschen mit schweren Erkrankungen, bei denen eine Heilung nicht mehr möglich ist, in den Vordergrund. Erhalt der Lebensqualität, Nähe, Zuwendung, die Linderung von Schmerzen und anderen Symptomen sind Kernanliegen auf Palliativstationen und in Hospizen. Neben körperlichen Bedürfnissen werden auch soziale und spirituelle Dimensionen berücksichtigt. Damit das gelingt, arbeiten in Palliativteams Ärzte, Therapeuten und Seelsorger Hand in Hand.

OHNE EHRENAMT wäre Hospizarbeit im aktuellen Umfang nicht möglich. Rund 100 000 Menschen engagieren sich laut DHPV ehrenamtlich in der Hospizbewegung. 

INFOS: Dachverband Deutschland (www.dhpv.de) und Bayern (www.bhpv.de), Vereine z.B. in München (www.chv.org), Augsburg (www.ahpv.de), Nürnberg (www.hospiz-team.de) und vielen weiteren Städten in Bayern.

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