Tanja Keller leitet seit März die bayerische Landessynode – und steht damit vor großen Herausforderungen: Die evangelische Landeskirche muss sparen, Stellen abbauen und ihren Gebäudebestand reduzieren. Gleichzeitig will Keller die Kirche stärker für Demokratie, Klimaschutz und Gleichstellung positionieren. 

Im Redaktionsgespräch mit Sonntags erklärt die Richterin, wie sie die Landessynode durch die anstehenden Veränderungen führen will, warum sie trotz der Krise optimistisch bleibt und weshalb ihr Frauen in kirchlichen Leitungspositionen besonders wichtig sind.

Frau Keller, was macht eine gute Synodalpräsidentin aus?

Tanja Keller: Eine gute Synodalpräsidentin muss vor allem gut zuhören können. Meine wichtigste Aufgabe als Synodalpräsidentin ist die Organisation der Synoden. Dabei habe ich ein Gremium, den Landessynodalausschuss, mit dem ich das gemeinsam vorbereite. 

Außerdem braucht es eine gute Zusammenarbeit mit den weiteren kirchenleitenden Gremien, insbesondere dem Landeskirchenrat und natürlich dem Landesbischof. Es ist also viel Gremienarbeit. Daher braucht eine Synodalpräsidentin auch viel Sitzfleisch.

Sie sind Juristin. Hilft Ihnen das in diesem Ehrenamt?

Das hilft mir sehr, weil es viel um Gesetze geht. Ich bin geübt darin, sie zu lesen und zu verstehen, und finde vielleicht auch eher einen Fallstrick als jemand, der sich erst mühsam in die Paragraphen einarbeiten muss.

Im März haben Sie Ihr Amt angetreten. Was haben Sie sich für die nächsten sechs Jahre vorgenommen? 

Ich habe mir vor allem vorgenommen, dass diese Synode richtig gut ins Arbeiten kommt. Ich glaube, da sind wir schon ein ganzes Stück weiter. Das ist bereits ganz gut gelungen. Außerdem ist es mir wichtig, dass wir Kirchenleitung wirklich leben, also dass die vier Organe gemeinsam diese Kirche in die Zukunft tragen und gut kommunizieren, nach innen und nach außen. Nach innen haben wir bereits einige Veränderungen vorgenommen. 

Es gibt jetzt einen Teams-Kanal für die Synodalen und regelmäßige Online-Informationsveranstaltungen. Das wird sehr gut angenommen und hilft uns, auf einen gemeinsamen Wissensstand zu kommen, der nötig ist, um zunächst jetzt im Herbst gute Entscheidungen treffen zu können.

"In dieser Krise, und ich würde schon sagen, dass es eine Krise ist, liegt eine große Chance"

Im Herbst wird traditionell über den Haushalt entschieden. In den kommenden Jahren stehen größere Kürzungen an. Wo sehen Sie die größten Herausforderungen? 

Keller: Der größte Brocken ist eigentlich, das gesamte System so umzugestalten, dass wir zu inhaltlich gut durchdachten Entscheidungen kommen. Grundsätzlich ist die Haushaltsaufstellung Sache des Landeskirchenrats. 

Soweit sich der Haushalt aber an strategischen Zielen orientiert, und das wird künftig der Fall sein, muss die Synode bei den Zielen mitreden und dann überprüfen, ob diese Ziele so umgesetzt werden, wie wir es wollen. Das wird die große Herausforderung sein. 

Es wird dazu führen, dass wir einige Bereiche nicht mehr finanzieren können, während wir in anderen Schwerpunkte setzen werden. Es ist ein großer Brocken, aber man muss das Gesamtbild betrachten. Ich finde es schwierig, jetzt schon konkrete Maßnahmen zu benennen, weil vieles noch nicht bis ins Detail ausgearbeitet ist. Die Synode wird sich ansehen müssen, welche Schwerpunkte gesetzt werden, und entscheiden, ob sie damit einverstanden ist oder nicht.

Ein konkretes Beispiel ist die Umnutzung von Kirchen. Bis 2035 soll der Bestand kirchlicher Immobilien deutlich reduziert werden. Können Sie daran verdeutlichen, wie die Veränderungen aussehen sollen? 

Das Spannende ist: Wir schreiben niemandem vor, was mit den kirchlichen Gebäuden passieren soll. Wir sagen den Dekanaten, dass sie künftig nur noch für 50 Prozent der Gebäude einen landeskirchlichen Zuschuss erhalten. Wenn sie weitere Gebäude behalten möchten, müssen sie selbst überlegen, wie diese finanziert werden sollen.

Das kann an manchen Orten dazu führen, dass eine Kirche aufgegeben werden muss. Gleichzeitig ist die Kreativität vor Ort gefragt. Das kann zu ganz neuen Kooperationen und Kooperationspartnern vor Ort führen.

Ein weiteres Beispiel ist die Landesstellenplanung. Es wird künftig deutlich weniger Pfarrerinnen und Pfarrer geben, insgesamt werden rund 25 Prozent weniger Stellen existieren. Wie muss Kirche darauf reagieren? 

Man muss wissen, dass sich diese Planung auf den Zeitraum bis 2034 bezieht. Und jeder weiß, wie viele Menschen bereits jetzt oder in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen. Es geht vor allem darum, die vorhandenen Stellen mit Menschen zu besetzen und Vakanzen zu reduzieren. 

Gerade die langjährigen Vakanzen belasten die Gemeinden vor Ort. Wenn es weniger Stellen gibt, können diese besser besetzt werden. Zugleich hängen an den Personalkosten natürlich erhebliche finanzielle Mittel. Personal ist teuer, und wir müssen schauen, was können wir uns in welchem Umfang leisten.

Hier wurde bereits im letzten Jahr eine Vorentscheidung getroffen, die im Herbst von der Landessynode beschlossen werden muss. Ich weiß, dass hier sehr genau gerechnet wurde, und ich fürchte, dass wir an diesen Zahlen nicht vorbeikommen. Dazu kommt, dass es nicht mehr so viele Menschen gibt, die Pfarrerin, Pfarrer, Religionspädagogin, Religionspädagoge, Diakonin oder Diakon werden wollen.

"Wie kann Kirche deutlich machen, dass Menschen, die die Menschenwürde mit Füßen treten, nicht wählbar sind?"

Wo hat die Kirche noch Raum, Neues zu gestalten? Wo können Sie Akzente setzen und nicht nur verwalten oder kürzen? 

Vielleicht bin ich eine naive Optimistin, aber ich glaube, dass wir durch eine effektivere Verwaltung viel einsparen können und dadurch an vielen Orten in Bayern neues Potenzial entsteht. In dieser Krise, und ich würde schon sagen, dass es eine Krise ist, liegt eine große Chance.

Wir können uns neu fragen: Was braucht es vor Ort? Was erwarten die Menschen von uns? Was können wir ihnen anbieten? Wenn wir aus alten Mustern ausbrechen und Gemeinden in größeren Einheiten zusammenarbeiten, können unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt werden. Dann kann jede Gemeinde in ihrem Bereich intensiver und innovativer arbeiten. Und so auch Neues gestaltet und Akzente gesetzt werden.

Kirche beschäftigt sich derzeit stark mit sich selbst. Gleichzeitig steht die Gesellschaft vor vielen Herausforderungen, vom Klimawandel bis zu wirtschaftlichen Problemen. Wo sehen Sie die Aufgabe der Synode und Ihre eigene Rolle in der Gesellschaft? 

Was mich derzeit am meisten beschäftigt, ist das Thema Demokratie und die Wahlen in Sachsen-Anhalt. Die Frage ist: Wie kann Kirche deutlich machen, dass Menschen, die die Menschenwürde mit Füßen treten, nicht wählbar sind? Die Kirche hat hier bereits eine klare Haltung entwickelt. Das sehe ich auch als eine meiner Aufgaben und habe es bereits in verschiedenen Stellungnahmen angedeutet.

Der zweite große Bereich ist der Klimaschutz. Als Landeskirche haben wir uns ehrgeizige Ziele gesetzt. Bis 2035 wollen wir 90 Prozent weniger Treibhausgasemissionen verursachen als zum Stichtag 1. Januar 2023. Das ist eine enorme Herausforderung. 

Dafür stehen jedoch finanzielle Mittel bereit, um die Gemeinden auf diesem Weg zu unterstützen. Und dabei hilft es tatsächlich auch, wenn wir weniger Gebäude betreiben müssen, weil dort besonders viel Energie verbraucht wird. 

Hier müssen wir darauf achten, dass die Umsetzung des Gesetzes gut gelingt und werden uns im Frühjahr 2027 damit befassen. Daneben glaube ich aber auch, dass Kirche an ganz vielen Orten im Kleinen wirkt, vor allem durch seelsorgerische und diakonische Arbeit. Darüber wird oft nicht berichtet, aber das trägt dazu bei, die Menschen auch für die Herausforderungen zu stärken.

"Jetzt geht es darum, diese auch umzusetzen und Frauen stärker in Leitungspositionen zu bringen, bis in die höchsten Ebenen hinein"

Gibt es ein Herzensthema, das Sie in den nächsten sechs Jahren besonders verfolgen möchten? 

Ein Herzensthema ist und bleibt die Gleichstellung. Dieses Thema begleitet mich seit Beginn meines Berufslebens. In der Landessynode haben wir bereits wegweisende Beschlüsse getroffen. Jetzt geht es darum, diese auch umzusetzen und Frauen stärker in Leitungspositionen zu bringen, bis in die höchsten Ebenen hinein.

Das wird nicht einfach. Derzeit reduzieren wir die Zahl der Leitungspositionen um eine Stelle, gleichzeitig scheiden zwei Frauen aus. Da kann die Quote kaum besser werden. Umso wichtiger ist es Frauen zu ermutigen, sich für Leitungspositionen zur Verfügung zu stellen. Das gelingt derzeit ganz gut.

Was braucht es dafür konkret? 

Es braucht vor allem bei Führungskräften ein Bewusstsein dafür, wie wichtig es ist, nicht in herkömmlichen Mustern zu denken. Auch Frauen, die beispielsweise in Teilzeit arbeiten, müssen bei Leitungsaufgaben genauso in den Blick genommen und entsprechend gefördert werden.

Zudem braucht es Schulungen. Viele Frauen werden gesellschaftlich anders geprägt und kommen deshalb oft nicht als Erste auf die Idee, eine Leitungsaufgabe zu übernehmen. Da braucht es manchmal einen Anstoß und die passende Unterstützung, damit sie solche Aufgaben selbstbewusst wahrnehmen können.

Tanja Keller

Das Interview wurde im Sonntags-Studio aufgezeichnet. Es gehört zu einer Serie von Gesprächen, die wir in den folgenden Wochen veröffentlichen werden. Abonniert unseren Newsletter und bleibt informiert!

Tanja Keller

Evangelische Kirche in Bayern

Klimawandel, Spiritualität, der Umbau von Kirche und die Gleichberechtigung von Frauen: Das sind Themen, für die sich Tanja Keller stark machen will. Die Richterin arbeitet in Landshut und Regensburg und wurde im März 2026 Bayreuth für sechs Jahre zur neuen Präsidentin des evangelischen Kirchenparlaments gewählt.

Um das Ehrenamt auszuführen, will Keller ihre Arbeit als Richterin am Arbeitsgericht Regensburg auf eine halbe Stelle reduzieren. Die Mutter zweier erwachsener Töchter wohnt in München. Ihre Kindheit hat sie in Afrika verbracht. In der evangelischen Kirche ist sie seit rund 25 Jahren engagiert.

Im Dekanatsbezirk München ist Tanja Keller seit März 2025 Mitglied des Präsidiums der Dekanatssynode. Sie ist zudem Mitglied des Ausschusses "AG Strategie und Finanzen".

Die Landessynode der ELKB umfasst 108 Mitglieder und wird für die Dauer von sechs Jahren gewählt. Sie entscheidet über den Haushalt der Landeskirche, beschließt Gesetze und wählt den Landesbischof bzw. die Landesbischöfin.