02.01.2018
Flüchtlinge

Gemeinschaftsunterkunft: Letzte Zuflucht für Frauen

Kattenhochstatt — 
Sie waren auf der Flucht. Manchmal vor ihren Männern, die sie in der Heimat prostituieren wollten oder sie und die Kinder geschlagen haben. Manchmal aber auch mit ihren Männern und der Familie, wegen dem Krieg. In Deutschland angekommen, verabschiedete sich der Gatte dann. Ohne Schutz in einer Gemeinschaftsunterkunft (GU) bedeutet das für manche Frau den Beginn eines neuen Martyriums. Gut, dass es seit wenigen Wochen das Haus Noomi gibt. Wohl einzigartig in Franken.
Bild aus der GU für Frauen in Kattenhochstatt
Sozialpädagogin Katja Kohrhammer (rechts) mit (v.l.) Mitarbeiterin Aferdita Shabani, Diakonie-Geschäftsführer Martin Ruffertshöfer, einer geflüchteten Frau mit Kind und Mitarbeiterin Zeynep Tolu in Kattenhochstatt.

Kattenhochstatt ist ein Ortsteil von Weißenburg mit rund 150 Einwohnern. Hier kennt jeder jeden, das Dietrich-Bonhoeffer-Haus als Jugendfreizeitheim des Dekanats Weißenburg ist fester Bestandteil des Ortsbildes und –geschehens – und in die Jahre gekommen. Als das Haus vor einigen Monaten zur Unterkunft für Flüchtlinge umgebaut werden sollte, regte sich im Ort Widerstand. Lauter junge Männer in einem kleinen Dorf? Das war dem ein oder anderen zu viel. Martin Ruffertshöfer, Geschäftsführer des Diakonischen Werkes Weißenburg-Gunzenhausen entwickelte ein neues Konzept. In das Freizeitheim sollen nur Frauen und deren Kinder einziehen, die sich ohne Mann in Deutschland aufhalten und nicht nur ihre Traumata der Flucht und deren Ursachen verarbeiten und ein neues Leben anfangen wollen. Sie sind auch auf Schutz vor den Männern angewiesen. Denen, mit denen sie gekommen sind und die sich in vielen Fällen nicht als die starke Schulter erwiesen haben. Und denen, die sie in den Gemeinschaftsunterkünften als Freiwild erachten.

Gemeinschaftsunterkunft ist kein normales Frauenhaus

„Wir sind aber kein Frauenhaus im eigentlichen Wortsinne. Eigentlich eine gewöhnliche GU, mit dem Fokus eben auf Frauen“, erklärt Sozialpädagogin Katja Kohrhammer, die sich seit Anfang September gemeinsam mit Aferdita Shabani und Tolu um die derzeit rund fünf Frauen aus Somalia, Weißrussland und Kasachstan mit deren Kindern kümmert. Finanziert werden die Stellen größtenteils vom Bayerischen Sozialministerium, die Landeskirche zahlt einen Zuschuss für die Personalkosten. Verständigt wird in der Regel mit Händen und Füßen und ein paar Brocken der jeweiligen Landessprachen der Frauen. „Wer schon jahrelange Fluchterfahrung hat, der weiß sich zu helfen“, weiß Kohrhammer.

Eine konkrete Bedrohung durch den Mann, der möglicherweise auf der Suche nach seiner Familie ist, gibt es im Haus Noomi nicht. Der Hausname erinnert an eine biblischen Figur aus dem Alten Testament, deren Geschichte geprägt ist von Flucht, traumatischen Erlebnissen und wirtschaftlicher Unsicherheit. Gleichzeitig ist die Übersetzung von „Noomi“ aus dem Hebräischen mit „freundlich, liebenswert“ passend für die Atmosphäre des Hauses. Die Gefahr, vor der die Frauen Schutz suchen, ist eher abstrakt. Werktags ist immer mindestens eine Mitarbeiterin im Haus, hilft bei den behördlichen Belangen rund um das Asylverfahren, unterstützt die Bewohnerinnen beim Einkaufen, Kochen, bei der Reinigung und andere praktische Fragen im Alltag. Dabei werde darauf geachtet, dass die Frauen trotz des jugendherberglichen Charakters des Hauses und des damit verbundenen Zuschnitts der Räume ihre Privatsphäre haben. Die Sicherheit der Bewohnerinnen wird durch einen weiblichen Wachdienst gewährleistet, der an allen Tagen rund um die Uhr im Haus ist. Eine erweiterte Hausordnung verbietet männliche Besuche.

Flüchtlingsunterkunft: Bürger stehen dahinter

In der Bevölkerung kommen die neuen Nachbarn gut an. „Die Bürger haben Mitgefühl, bieten sich schon mal für Fahrdienste oder Sprachunterricht an. Der Posaunenchor probt nebenan und spielt den Frauen und Kindern gerne was vor“, sagt Martin Ruffertshöfer. Neben einer Unterbringung in einer geschützten Umgebung sei das Ziel, die Bewohnerinnen auf ihrem Lebensweg ein Stück weit zu begleiten, Vertrauen aufzubauen, zur inneren Stabilisierung beizutragen und sie zu einem selbstbestimmten Leben in Deutschland zu befähigen. Je nach „Anhang“ könnten zwischen 20 und 30 Frauen hier Platz finden.

Wer ins Haus Noomi kommt, das hängt in der Regel vom Fingerspitzengefühl der Sachbearbeiter in den Asylbehörden ab. Dort wird entschieden, welche Frau aus der GU herausgenommen und nach Kattenhochtstatt gebracht werden kann. Anfragen für weitere Plätze im Haus liegen bereits vor. Die Sozialpädagoginnen arbeiten mit dem Sozialdienst des Diakonischen Werkes Roth-Schwabach in der Erstaufnahme für Frauen in Neuendettelsau und den Mitarbeiterinnen des Projektes SAFE – Hilfe für schutzbedürftige Frauen in der Erstaufnahme in Zirndorf – zusammen.

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