03.09.2017
Alpen & Kultur

Gipfelkreuze - Kulturgut und Machtsymbol

Bad Tölz — 
Gipfelkreuze haben in den Ostalpen eine lange Tradition - und viele Funktionen: Im 13. Jahrhundert wurden sie als Bitte für gutes Wetter oder als Wegmarkierung aufgestellt. Später errichteten sie ehrgeizige Alpinisten als Machtsymbol; Kriegsheimkehrer wiederum verstanden sie als Dank für ihre gesunde Rückkehr. Was bedeuten sie für Wanderer heute?
Gipfelkreuz auf dem Daniel.
Ein Gipfelkreuz wie aus dem Prospekt: das Kreuz auf dem 2340 Meter hohen »Daniel«, dem höchsten Gipfel der Ammergauer Alpen.

 

Es ist ein Bild, das einen festen Platz im Album der großen europäischen Urlaubsklischees hat: Fröhliche Menschen in bunten Funktionsjacken, ein felsiger Gipfel und dahinter, so weit das Auge reicht, die Bergkette der Alpen. Komplett ist der Schnappschuss für die Trophäensammlung aber nur mit einem besonderen Symbol – dem Gipfelkreuz.

Das bestätigt – gewissermaßen von höchster Stelle – einer, der es wissen muss: Thomas Bucher, Sprecher des Deutschen Alpenvereins (DAV). Das Foto mit dem Gipfelkreuz sei »mittlerweile einfach in der DNA der Bergsteiger drin«, sagt er. »Das Kreuz als Symbol gehört für die meisten zum Gipfel dazu, wie die Kirche zum oberbayerischen Ort.«

Trotzdem: Eine Selbstverständlichkeit ist das Gipfelkreuz nicht. Großflächig Einzug gehalten hat es in den Ostalpen erst ab dem 18. und dann vor allem Mitte des 20. Jahrhunderts. Und umstritten ist es nicht erst, seit im Sommer 2016 Unbekannte mehrere Kreuze in der Gegend um Bad Tölz schwer beschädigten. Ein prominenter Kritiker ist zum Beispiel Bergsteiger-Ikone Reinhold Messner. Man solle die Berge nicht »zu religiösen Zwecken möblieren«, sagte er vergangenes Jahr in einem Interview.

 

Pieta als Gipfelkreuz auf der Schönfeldspitze.
Der Kapruner Bildhauer Anton Thuswalder schuf das Kreuz der Schönfeldspitze im Steinernen Meer: eine Holzpieta mit der Figur des toten Christus als Querbalken.

 

Dabei liegen die Zeiten, in denen das Gipfelkreuz ein rein religiöses Symbol war, schon länger zurück – wenn es sie denn gab. Die ersten Gipfelkreuze, die ab dem 13. Jahrhundert in den Alpen auftauchten, seien noch der Frömmigkeit der örtlichen Bevölkerung entsprungen, sagt Claudia Paganini, Philosophin der Uni Innsbruck, die das Buch »Dem Himmel so nah« über das Phänomen der Gipfelkreuze geschrieben hat. So habe es beispielsweise früh Kreuze auf »Wetterbergen« gegeben – jenen Gipfeln, hinter denen man Unwetter heraufziehen sah.

Gipfelkreuz als Ort des Gebetes

»Man hat Gebetsrituale an diesen Kreuzen gemacht und damit um ein mildes Wetter gebeten«, erzählt Paganini. In entlegenen Bergregionen habe man sich durchaus auch zu einer Art Gottesdienst am Gipfelkreuz getroffen. Gleichwohl seien diese Gipfelkreuze auch »weiter den Berg hinauf gewanderte« Verwandte von Wegkreuzen gewesen. Die waren seit der Christianisierung in den Alpen vertreten. Als Dankesmale – aber auch als profane Weg- oder Grenzmarkierung.

Nachhaltig änderte sich die Lage, als die Alpen zum Reiseziel wurden. Adelige, oft aus alpenfernen Gegenden, bestiegen ab dem 18. Jahrhundert die Gipfel – und setzten weithin sichtbare Monumente als Zeichen für ihre »Macht über den bezwungenen Berg«. Zunächst habe man Fahnenmasten errichtet. Allerdings habe es Sorge gegeben, »Gott ins Gehege zu kommen, Gott in seiner Allmacht infrage zu stellen, indem man auf diese hohen Gipfel gestiegen ist«, erzählt Paganini. Die Lösung fand sich erneut im Gipfelkreuz.

Gipfelkreuze als Zeichen der Dankbarkeit

Die nächste Welle des Alpinismus als Breitensport brachte Kreuze dann auch auf kleinere Gipfel, oft aufgrund von Privatinitiativen. Die »Mehrzahl« der Kreuze sei sogar erst nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet worden, sagt Bucher: Oft als Zeichen der Dankbarkeit von aus dem Krieg heimgekehrten Soldaten.

Paganini wiederum berichtet, in neueren Zeiten hätten auch politische Propaganda und sogar Marketing-Erwägungen eine Rolle gespielt: In Tirol etwa habe man mit der Zugehörigkeit Südtirols zu Italien gehadert – und die Kreuze mit anti-italienischen Botschaften versehen. Später nutzten zudem Gemeinden die Möglichkeit des Helikopter-Transports für »echte Challenges, wer das pompösere Kreuz aufstellt«, sagt die Wissenschaftlerin: »Die haben dann oft wie Fremdkörper gewirkt.« Mittlerweile gebe es neue Trends. Etwa künstlerisch gestaltete Kreuze, die als Zeichen »der religiösen Versöhnung, der Offenheit und Toleranz verstanden werden können«.

 

Inschrift am Gipfelkreuz auf dem Kreuzfelsen.
Als Lob zur Ehre Gottes hat die Bergwacht Furth im Wald das Kreuz auf dem Kreuzfelsen errichtet.

Tibetanische Fahnen am Gipfelkreuz

Von einer bemerkenswerten neuen Erscheinungsform des Gipfelkreuzes kann auch DAV-Sprecher Bucher erzählen: Auf Gipfeln in den Ostalpen mischten sich mittlerweile optisch die Religionen, sagt er. An einigen Kreuzen hingen nun auch tibetanische Gebetsfahnen. »Das ist auch gar kein Konflikt«, betont Bucher – es gebe in Bergsteigerkreisen eine »große kulturelle Verbundenheit zu Nepal«. Für viele Alpenfreunde im Alpenverein sei das Kreuz ohnehin eher »Kulturgut« denn ein religiöses Symbol.

Wer die Kreuze heutzutage – lange nach dem Profilierungswillen der Adeligen – aufstellt, das ist im Übrigen völlig unterschiedlich. Von DAV-Sektionen über örtliche Burschenvereine, Kirchengemeinden bis zu Privatinitiativen sei alles dabei, sagt Bucher. Es gebe eine Art »Gewohnheitsrecht«: »Wer das letzte Kreuz aufgestellt hat, sorgt meistens auch dafür, dass ein neues hinaufkommt.« Dass ein Kreuz ausgetauscht werden muss, sei keine Seltenheit: »Im Normalfall alle zehn bis zwanzig Jahre« sei das nötig, sagt Bucher. »Da herrscht ja eine raue Witterung in den Bergen.«

Viele tausend Gipfelkreuze in den Ostalpen

Womit auch schon das letzte große Rätsel um die Gipfelkreuze angeschnitten ist: Wie viele der Kreuze es in ihrem Hauptverbreitungsgebiet, den Ostalpen, gibt, das weiß wohl niemand. Weder Bucher noch Paganini können Auskunft geben. »Es gibt allein in den Ostalpen viele, viele Tausend. Mehr oder weniger auf jedem nennenswerten Gipfel«, sagt der DAV-Sprecher.

Gipfelkreuz-Expertin Paganini berichtet, sie habe sich mit dem Österreichischen Alpenverein um eine Schätzung bemüht. »Aber das ist ganz schwer. Es kommen ja immer wieder welche hinzu. Und andere verfallen.« Das Gipfelkreuz mag also ein Alpen-Klischee sein – im Wandel ist es bis heute.

 

ZAHLEN UND FAKTEN

Zahlen und Fakten zum Gipfelkreuz

DAS ÄLTESTE: Gipfelkreuze gibt es in den Alpen wohl seit dem 13. Jahrhundert. Als ein erstes gilt das Confin-Kreuz auf der Malser Haide in Südtirol – es diente als Grenzmarkierung.

DAS GRÖSSTE: Als größtes Gipfelkreuz der Welt wird das – inklusive Fundament – 39,5 Meter hohe »Helden-Kreuz« auf der Caraiman-Spitze in den rumänischen Karpaten geführt.

GIPFELKREUZE IN ALLER WELT: Gipfelkreuze gibt es unter anderem auch auf der Iberischen Halbinsel. Einzelne Exemplare sind auch in Nord- und Südamerika anzutreffen.

ÄQUIVALTENTE IN ANDEREN REGIONEN: Im Himalaja sind tibetische Gebetsfahnen auf Berggipfeln üblich. In Großbritannien und andernorts finden sich bisweilen Steinpyramiden, sogenannte Cairns, auf Gipfeln. Und schon die alten Römer vergruben auf Passhöhen Opfergaben – zum Beispiel Münzen.

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