"Wir haben schon immer zusammen studiert, zusammen gelernt und später auch zusammen gearbeitet", sagt Andreas Schlechtweg. "Es war bei uns beiden der klassische Einstieg über die evangelische Jugend." Schon als Schüler engagierten sie sich in verschiedenen Gemeinden, sie in Bad Rodach, er in Coburg. Aus dem Engagement wuchs Berufung – und später eine Ehe, die Privates und Berufliches bis heute eng miteinander verknüpft.
Gleiche Berufung, geteilte Verantwortung
Beide entschieden sich unabhängig voneinander für das Theologiestudium. "Die Entscheidung ist wirklich unabhängig gefallen", erinnert sich Susanne Wittmann-Schlechtweg. "Aber es hat sich für unsere Lebens- und Familienplanung sehr gut gefügt, dass wir beide in diesem Beruf arbeiten." Besonders in den Jahren mit kleinen Kindern habe das geholfen: "Das hat uns beiden die Möglichkeit gegeben, in beiden Bereichen verantwortlich zu sein – bei den Kindern und im Beruf. Wir haben wirklich konsequent geteilt."
In dieser gemeinsamen Arbeit liegt ihre Stärke – aber auch eine Herausforderung. Denn wer Arbeit, Familie und Glauben auf so engem Raum lebt, braucht klare Absprachen. "Wir haben immer beide Terminkalender geführt", erzählt Andreas Schlechtweg. "Schon in der Zeit, als die Kinder klein waren, war immer jemand für die Kinder da und jemand im Dienst."
Das Teilen der Aufgaben geschieht dabei nicht zufällig: Unterricht und Konfirmandenarbeit liegen eher beim Pfarrer, Schulbesuche und Gemeindebegleitung oft bei der Pfarrerin. Und doch bleibt alles fließend. "Es gibt klare Zuständigkeiten, aber wir machen vieles gemeinsam", so Susanne Wittmann-Schlechtweg. "Den Kinderchor zum Beispiel – das ist einfach etwas Schönes, das wir gemeinsam machen."
Wenn Gemeinde vertraut
Auch die Gemeinde profitiert von diesem Miteinander. Julia Popp, Vertrauensfrau des Kirchenvorstands, beschreibt das Pfarrerehepaar als "offen und wertschätzend im Umgang mit allen Menschen". Jeder werde nach seinen Talenten wahrgenommen. "Man findet immer ein offenes Ohr und fühlt sich willkommen."
Dass Gemeindemitglieder dabei manchmal zwischen Pfarrer und Pfarrerin wählen, ist für sie kein Problem, sondern ein Gewinn: "Von der Offenheit, von der Herzlichkeit, von der Mütterlichkeit geht man vielleicht mit persönlicheren Problemen gerne zur Pfarrerin, weil man sich da ein bisschen umsorgter aufgehoben fühlt." Andere Themen, etwa die Konfirmandenarbeit, landeten eher beim Pfarrer. Wichtig sei: "Man hat die Wahl – und das funktioniert hervorragend."
Andreas Schlechtweg sieht darin keine Konkurrenz, sondern eine Stärke des gemeinsamen Pfarramts.
50 Jahre Frauenordination – und die langen Schatten der Geschichte
Dass eine Pfarrerin heute selbstverständlich neben ihrem Mann arbeitet, war nicht immer so. Susanne Wittmann-Schlechtweg erinnert sich an ganz andere Zeiten. "In meinen Anfangsjahren war das für viele noch ungewohnt", erzählt sie. "Wenn ich bei einem offiziellen Anlass war, kam oft die Frage: Kann Ihr Mann heute nicht?"
Besonders eindrücklich ist ihr ein Erlebnis aus ihrer ersten Pfarrstelle im katholischen Schwaben geblieben. "Ich kam in die Kirche, und man spürte sofort diese Abwehrhaltung", erinnert sie sich. "Nach dem Gottesdienst hielten mich ein paar alte Männer auf und sagten: ‚Wie Sie hereinkamen, dachten wir, das verdient der aber ganz und gar nicht, dass er von einer Frau beerdigt wird. Aber jetzt müssen wir sagen: fast wie die Muttergottes.‘"
Solche Sätze schmerzen, gibt sie rückblickend zu, "aber sie zeigen, wie weit wir gekommen sind". Heute erlebe sie die Akzeptanz als selbstverständlich – und sei dankbar für die Generation der Pionierinnen: "Ich ziehe den Hut vor den Frauen, die damals gekämpft haben. Es ist schön zu sehen, wie selbstverständlich es heute geworden ist."
Ihr Mann nickt zustimmend. "Damals gab es durchaus Familien, die gesagt haben: Wir möchten, dass unser Vater nicht von einer Frau beerdigt wird", erinnert sich Andreas Schlechtweg. "Das war eine Herausforderung: Inwieweit kommt man solchen Wünschen entgegen, inwieweit zeigt man klare Kante? Aber im Laufe der Jahre hat sich da viel verändert."
Kirche im Wandel – und doch geerdet
Die Schlechtwegs haben erlebt, wie sich der Blick auf den Pfarrberuf verändert hat – nicht nur beim Thema Gleichstellung, sondern auch im Miteinander von Kirche und Gesellschaft. Heute nehmen sie wahr, dass Frauen und Männer im Gemeindeleben selbstverständlich zusammenwirken. "Auch in den Gremien hat sich viel verändert", freut sich Andreas Schlechtweg. "Früher hieß es bei Berufungen in den Kirchenvorstand manchmal: Bitte keine Frau mehr, wir haben schon 30 Prozent. Das ist heute kein Thema mehr."
Er erlebt die Gleichstellung im Alltag als selbstverständlich, auch in der Ökumene. "Da merke ich keinen Unterschied in der Wahrnehmung von mir oder meiner Frau", sagt er. "Im Gegenteil – manchmal erlebe ich von katholischen Kollegen sogar eine besondere Wertschätzung, fast so: Mensch, ihr seid da schon weiter."
Leben im Pfarrhaus
Natürlich verschwimmen bei zwei Pfarrpersonen unter einem Dach auch die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben. "Das kann eine Bereicherung sein, weil man sich immer etwas zu erzählen hat", so der Pfarrer. "Aber es ist auch ein zusätzlicher Stressfaktor – gerade als die Kinder klein waren." Susanne Wittmann-Schlechtweg ergänzt: "Unsere Kinder haben getragen, dass das Pfarrhaus nie ein abgeschlossener Ort war. Da klingelt jemand, da braucht jemand den Schlüssel, da wird man beim Einkaufen angesprochen – das hat sie manchmal genervt."
Trotzdem: Beide sehen mehr Vor- als Nachteile darin, den gleichen Beruf zu teilen. "Ein großer Vorteil ist das Verständnis dafür, dass im Beruf nicht alles planbar ist", sagt Susanne Wittmann-Schlechtweg. "Wenn ein Sterbefall kommt, weiß der andere, was das bedeutet. Und man kann Herzensprojekte gemeinsam umsetzen."
Ein gelebtes Gleichgewicht
Was die Schlechtwegs verbindet, ist das gemeinsame Verständnis von Berufung und Partnerschaft – getragen von Respekt, Glauben und Erfahrung. "Stellen teilen funktioniert nur, wenn es sich austariert, wenn alle immer nur zu einem wollen, geht es nicht."
"Ich bin dankbar für die Frauen, die vor uns den Weg bereitet haben", so Susanne Wittmann-Schlechtweg, "und ich bin froh, dass wir heute so selbstverständlich miteinander arbeiten können. Das ist kein Privileg mehr – es ist einfach normal geworden."