"Ich hasse Weihnachten!" Sie schleudert mir die Worte geradezu entgegen. Damit habe ich nicht gerechnet. Das Telefonat mit meiner Freundin ist auf die Schlussgerade eingebogen und ich wollte ihr noch alles Gute für die Zeit bis zu den Feiertagen wünschen. Aber sobald ihr Satz raus ist, spüre ich, wie sich eine unglaubliche Entlastung in mir ausbreitet.

Ich hasse Weihnachten. Endlich sagt es mal jemand.

Ein revolutionärer Satz! Denn was für Rosenkohl, Krankenhäuser, ja sogar für Marzipan und Glühwein als legitim gilt - bei Weihnachten ist Schluss mit lustig: Alle mögen Weihnachten! Die Kerzen, die Plätzchen, die Geschenke! Okay, manche sind genervt von den Verwandten, andere gestresst wegen der Geschenke, aber grundsätzlich sind wir uns doch einig, dass Weihnachten eigentlich ein schönes Fest ist. Oder?!

Katharina, wie ich meine Freundin zu ihrem Schutz jetzt mal nenne, ist Pfarrerin. Weihnachten ist irgendwie sowas wie ihr Job. Genauso wie Ostern, Pfingsten, Beerdigungen und Religionsunterricht. Dass sie das "Fürchtet Euch nicht!" des Engels nicht grundsätzlich ablehnt, genauso wie Jesus, den Heiligen Geist und den Gottesdienst, davon gehe ich jetzt mal aus.

Und nein, das ist es nicht, sagt sie. Es ist das Drumherum. Es sind die Kerzen, die Plätzchen, die Geschenke - dass all das nicht reichen darf. Dass es mehr braucht: die kleinen Geschenke für die Nachbarn und die Klassenlehrerin. Die Laterne vor der Haustür und die brennende Kerze darin. Der leuchtende Herrnhuter Stern am Balkon. Die richtige Planung der Feiertage.

Ich kann es ihr so sehr nachfühlen. Mein Mann und ich haben einen ziemlich ausgeklügelten Plan erarbeitet, wie es gelingen kann, dass unsere Patchwork-Familie ein schönes Weihnachten haben kann. Dazu unsere Eltern (ebenfalls mit neuen Partner*innen), zum Teil 300 Kilometer entfernt, das glutenfreie Essen für die eine, die vegane Alternative für den anderen.

Dazwischen ich, die sich eigentlich nur nach einem einzigen heiligen Weihnachtsmoment sehnt: Ich steh an deiner Krippen hier, nachts in der Christmette gesungen. Mein Herz, das sich ein bisschen verschenkt. Ein paar Tränen der Erleichterung, dass so vieles besser ausgegangen ist, als ich gedacht habe. Nur einen einzigen Weihnachtsmoment, ist das zu viel verlangt? Und ich werde wütend und vorwurfsvoll auf all die anderen Menschen mit ihren Wünschen und Bedürfnissen und auf die Gesellschaft, die so viel von mir verlangt. Auf die Zeitschriften und das Internet mit den perfekt dekorierten Wohnungen.

Es liegt nahe, zu sagen: Ach, egal, das Chaos und die ungeputzte Küche und das Festtagsessen - darum geht es doch nicht an Weihnachten! Weihnachten wird trotzdem! Und Gott ist sowieso da.


Ja, es liegt nahe, aber es bleibt ein schaler Nachgeschmack. Denn wir stehen eben nicht über all diesen Dingen. All die Menschen um mich herum haben doch auch ihren eigenen einzigen heiligen Weihnachtsmoment. Der Moment, wenn der Tisch endlich einmal hübsch aussieht, alle Gläser zusammenpassen. Keine Plastikschüsseln auf dem Tisch stehen und niemand meckert. Der Moment, wenn er sein Geschenk auspackt und spürt: Auch wenn sie so oft nicht da ist - meine Mama weiß, was ich mag. Der Moment, wenn sie nach Hause kommt und da hängt der Stern am Balkon.

Sehnen nach Licht und Heiligkeit an Weihnachten

Weil dieses Zuhause ihr erstes richtiges Zuhause ist. Kitschig? Oberflächlich? Vielleicht. Und zutiefst menschlich. Das Sehnen nach Licht und Heiligkeit, nach Plätzchen essen im Kerzenschein, nach dem zutiefst gewünschten Geschenk - es ist menschlich. Unsere Erschöpfung, unser Kümmern sind menschlich. Dass wir Kochbücher wälzen auf der Suche nach dem Essen, das allen schmeckt und allen guttut. Dass wir nachts noch Vanillekipferl backen. Dass wir kleine Tütchen für die Kita-Erzieher*innen füllen, mit dem leisen Gefühl, dass sie eigentlich eine ganz andere Form der Wertschätzung verdient hätten. Es ist menschlich, dass wir wollen, dass alle es schön haben.

Und trotzdem: Das Fest, an dem wir feiern, dass Gott Mensch wird - es geht unter in übermenschlichen Ansprüchen. In Perfektion, in der besten Vorbereitung, der schönsten, natürlichsten Dekoration. Warum schaffen wir es Jahr für Jahr wieder nicht, irgendwo einen Mittelweg zu finden? Indem wir vier Kerzen anzünden, drei Weihnachtskarten schreiben,  zwei Sorten Plätzchen backen und für für jede*n genau ein Geschenk aussuchen?

Wenn ich an Weihnachten denke, höre ich ein unglaublich lautes Durcheinanderreden. So viele Worte, so viele Stimmen. Leise, laute, zarte, stotternde, schnelle. Wir reden und reden. Lieben und wollen zurückgeliebt werden. So sehr. Von den anderen und vom Leben selbst. Vielleicht von dem ganz besonders. Wollen berührt werden tief innen und das ewige Glänzen und Leuchten sehen. In den Sternen, in den Augen der Kinder, in uns drinnen, da vielleicht am meisten. Und das Durcheinander ist laut und schwer zu verstehen. So viele Stimmen, so viele Bedürfnisse.

Wir zeigen unsere Liebe an Weihnachten

So viele Sprachen der Liebe, wie sie der Paartherapeut Gary Chapman genannt hat. Wir zeigen unsere Liebe in Geschenken, im Kümmern, im Zuhören, im Dasein. Wir zeigen sie durch diese eine feste Umarmung. Durchs Einkaufen für die anderen. Durchs Abspülen spät nachts, wenn alle gegangen sind. Lauter Liebessprachen an Weihnachten. Aber alle gleichzeitig, wie sollen wir uns da verstehen? Und war damals in Bethlehem im Stall auch so ein Durcheinander? Mit einer Liebe, die Wärme und Licht an einen kalten, dreckigen Ort gebracht hat? Statt Kaminfeuer und Fußbodenheizung gab es warme Luft von Ochs und Esel. Statt wärmender Wochenbettsuppe gab es Gold und Weihrauch und andere nicht so praktische Geschenke. Statt einer sicheren Zukunft gab es einen Stern am Himmel. Ja, vielleicht war auch das ein chaotisches Liebes-Durcheinander.

Ein menschliches Durcheinander, wie wir es eigentlich auch im Rest des Jahres hören. Aber an Weihnachten scheint es lauter zu sein. Dringender. Vielleicht weil wir Weihnachten zu dem Ort machen, an dem für all unser Lieben und Wollen und Brauchen endlich Platz ist. Denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. Denn wir haben so oft keinen Platz für all das: Für den schönen roten Nagellack und das glänzende Kleid. Für das ganz besondere Essen. Für das liebevoll ausgesuchte Geschenk. Für das "Für Dich". Für "Deinetwegen".

Und ich glaube, Weihnachten wird es aushalten, die letzte freie Herberge dafür zu sein. Wenn wir es lassen. Dann hält Weihnachten den Kitsch aus und die Deko und das gute Essen. Und den Stress.

Und uns selber in unserem menschlichen Liebessprachen-Durcheinander. Auch den Satz "Ich hasse Weihnachten."

Weihnachten hält unsere Menschlichkeit aus. Gott hält sie aus. Ich versuche, mir das zu sagen. Dass ich genau so Weihnachten feiern kann, wie ich mein Leben lebe. Kleinmütig und trotzig manchmal. Großherzig und auf den letzten Drücker. Liebevoll und mit Schneerändern auf den Winterstiefeln. Mit meiner menschlichen Sehnsucht nach Gott. Nach dem Frieden in mir. Wir werden in der Heiligen Nacht ein großes Durcheinander hören und fühlen und sagen. Und es wird voller Liebe sein.

 

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