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Leserbrief zum Artikel "Warum Novak Djokovic nicht der neue Jesus ist" im Sonntagsblatt vom 10.01.2022

Vorbild für die eigene Lebensführung: Weder Djokovic, noch Jesus!

Ob es nun Prominente von heute sind – oder vermeintliche Könige von vor 2000 Jahren: Narzissmus gab es seit jeher. Schon Jesus hatte den Hang zu Selbstverliebtheit – und ist in dieser Hinsicht für mich kein Vorbild zur Nachfolge. Seine oftmals als maßlose Eigenüberschätzung und von wenig Demut geprägte Art, sich in der Welt als Heilsbringer zu stilisieren, stößt mich als Christen bis heute ab – und hat nicht zuletzt auch dazu geführt, die Kirche zu verlassen. Dass Gott in ihm Mensch geworden ist und dadurch diese jenseitige Kraft des Schöpfergottes für uns Erdenbewohner greifbar und verständlich wurde, ist zwar ein wesentlicher Umstand, welcher mir bei anderen monotheistischen Religionen fehlt.

In Jesus offenbart sich der göttliche Vater und personalisiert die ansonsten so unerreichbar transzendente Macht. Trotzdem ist der im theologischen und dogmatischen Sinne als Sohn Gottes anzusehende Messias für mich kein Erlöser. Denn die Sühnetodphilosophie ist mir fern. Stattdessen ist Jesus eine Persönlichkeit gewesen, die durch viele gute Taten, durch vorbildliches Verhalten und moralische Standhaftigkeit überzeugte. Gleichsam war er aber auch nicht ohne Fehler: Sein Ansinnen, alleiniger Erbringer von Wundern und Verwandlungen zu sein, ist ein Ausdruck von maßloser Überheblichkeit, die nicht zu einem Gottesbild passt, das wir uns als Spiegel vorhalten sollten: Ergebenheit anstelle von übersteigertem Selbstbewusstsein ist das Credo, das ich mir auch von Jesus erwartet hätte. Denn nur aus einer solchen Zurückgenommenheit und Reflexion erwächst ehrliche, authentische und wahrhaftige Größe.

Wenn wir aktuell über Lichtgestalten unserer Zeit debattieren und Tennis-Profis, Hollywood-Stars oder auch Friedensnobelpreisträger und Forscher oder Wissenschaftler in den Adelstand erheben, befeuern wir die Tendenz der Gegenwart, die Grenze des Transhumanistischen überschreiten zu wollen und machen uns damit zu ärmlichen Götzen. Schlussendlich war auch Jesus eine Hyperbel seiner Tage, denn es fehlte ihm an einer sozialen, empathischen und zugwandten Persönlichkeit. Er war ein Einzelgänger, der keine Größen neben sich duldete. Sein beständiges Streben nach Aufmerksamkeit und Wertschätzung waren wenig bewundernswert. Seine oftmals rhetorisch gestellten Fragen gegenüber denjenigen, die an ihm zweifelten, unterstreichen seinen Anspruch an Einzigartigkeit. So ist er in vielen Aspekten für mich keine Autorität, der ich unkritisch und blind nacheifern würde. Er mag uns zwar vor Augen geführt haben, dass es etwas gibt, was unsere Vernunft übersteigt – und an das wir glauben dürfen.

Seine dem Größenwahn nahekommende Lebensweise aber kann für mich nicht wegweisend sein. Es fehlte ihm an der Bereitschaft zur Geselligkeit auf Augenhöhe, stattdessen propagierte er seine Selbstzentriertheit bei allen Gelegenheiten. Wenn wir nun Märtyrer der Neuzeit auf seine Ebene stellen, fördern wir ein Gesellschaftsmodell der Emotionslosigkeit. Doch nicht nur Gott ist Liebe. Auch wir sind in aller Regel fühlende Wesen, die zerbrechlich, sanftmütig und gezeichnet sein dürfen. Nicht der Schein des Ichs ist ein erstrebenswertes Maß, sondern die Fähigkeit, sich mit seinen Mitmenschen auf eine Stufe stellen oder sich ihnen gegenüber gar erniedrigen zu können. Zwar hat Jesus dies am Kreuz getan, seine Vorgeschichte macht ihn allerdings nicht zu dem Idol, als das ihn viele Christen weiterhin betrachten.

Überhaupt: Wir brauchen keine Orientierungshilfen, die allein durch Eigenbewunderung strahlen. Viel eher bedarf es leuchtender Beispiele, die zumindest einmal in ihrer Existenz unten am Boden angekommen sind. Nicht einmal auf Golgatha war Christus zunächst bereit, auf Gott zu vertrauen. Er blieb bis zuletzt ein Mensch, der nicht verstand, warum auch er die Erfahrung des Leids machen muss.

Wer sich ungerecht behandelt fühlt, weil das eigene Ego angekratzt wird, taugt nicht als Exempel für ein gelungenes Dasein. Ob es aktuell nun Djokovic ist, der sich angegriffen fühlt, nachdem er wie jeder andere Bürger Regeln einhalten muss – oder selbsternannte Giganten, die keine Einsicht über ihre eigentliche Angreifbarkeit zeigen: Wer die Bodenhaftung verliert, kann keinen missionarischen Anspruch erheben und dauerhaft zum Musterknaben herhalten. Als Archetyp kann nur ein echter Gott gelten, unerreichbar und singulär.

Dennis Riehle, Konstanz

Leserbrief zum Artikel "Wo Gott wohnt" im Sonntagsblatt zu Weihnachten 2021

Heiko Falcke erwähnt den heutigen Wissensstand, nach dem die Zeit überhaupt erst im Urknall entstanden ist. Das ist OK. Offenbar ist das aber auch für ihn nur sehr schwer vorstellbar, denn er sagt daraufhin: "Davor ist es eine zeitlose Zeit". Wie soll es denn ein "davor" geben, also eine zeitliche Abfolge, wenn es doch überhaupt keine Zeit gibt? Wenn es keine zeitliche Abfolge gibt, kann es auch gar keine "Ursache" geben, denn das Kausalitätsprinzip besagt, dass jeder Wirkung eine Ursache zeitlich vorhergeht . Ohne Zeit keine Ursache! Auch wenn das anschaulich kaum vorstellbar ist, so ist es doch logisch zwingend.
Die Frage nach der "Ursache" des Urknalls ist also bereits falsch gestellt. Daher gibt es auch gar keine "Lücke" (Falcke), die durch einen Schöpfergott gefüllt werden müsste! Aber auch aus christlicher Sicht ist so ein Schöpfergott als "Lückenbüßer" viel zu weit weg. (Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung), Wenn wir wissen wollen, "Wo Gott wohnt", müssen wir ihn schon im eigenen Herzen suchen. Das wussten die Mystiker aller Zeiten schon immer. Auch Falcke lässt uns das ja nachspüren mit seinem Bild von der Krippe. Und von Jesus selbst wird in Lukas 17,21 berichtet, er habe auf die Frage nach dem Reich Gottes geantwortet es sei "inwendig in Euch" (Lutherbibel bis 1980) oder wenigsten noch "mitten unter Euch" (heutige Lesart). Fazit: "Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein" (Karl Rahner), kein Kosmologe.

Helmut Kinder, Emeritus für Physik, TU München.