Sie beten, predigen und segnen auf Instagram und YouTube und nun auch auf TikTok, nennen sich Christfluencer oder Muslimfluencer und sorgen mit ihren Reels und Kurzvideos für Furore in den sozialen Medien. Es gibt eine wachsende Bewegung hin zu Glaube und Spiritualität im Netz. Die Profile sind oft politisch oder ideologisch aufgeladen, dogmatisch und fast immer kommerziell - und erreichen Millionen. 

Die Socialmedia-Plattform TikTok ändert unseren Umgang mit Religion, Glaube und Spiritualität. Während traditionelle kirchliche Institutionen sich vielerorts mit einem sinkenden Engagement von Jugendlichen auseinandersetzen müssen, spult der TikTok-Algorithmus munter Glaubensinhalte in unsere Timeline. Religiöse Inhalte werden rasch verbreitet und können viral gehen - ganz egal, ob es sich dabei um Mainstream-Glaubensinhalte oder Hexerei und Aberglaube handelt. 

TikTok wächst rasant und ist zu einer Arena geworden für den interreligiösen Dialog. Es ist eine Plattform, die eine Vielzahl von Glaubensrichtungen und -inhalten anbietet. Insbesondere junge Menschen der Generation Z verbringen ihre Freizeit auf Tiktok statt auf Instagram oder Youtube, um sich zu informieren oder sich unterhalten zu lassen.

Die Technologie, mit der insbesondere personalisierte Inhalte kuratiert werden, ermöglicht den schnellen Aufbau von Communities. Es gibt Hashtags mit religiösen Begriffen, die Milliarden Aufrufe erzielen, junge Influencer*innen, die über ihren Glauben oder ihre Religion sprechen und eine riesige Community aufgebaut haben. Insbesondere bei der Generation Z gibt es ein neues Interesse an Religion, Glaube und Spiritualität, allerdings ganz anders als früher und mit weitreichenden Folgen.

Wissenschaft erforscht neuen Trend "TikTok Youth Religion"

Jugendliche und junge Erwachsene erforschen den Glauben und spirituelle Erlebnisse auf eine neue Art und Weise. Die Auswirkungen, die dies auf die religiöse Identität haben könnte, wird gerade von der Wissenschaft erforscht. Technologie, Kultur und Glauben verbinden sich auf den Plattformen und bilden ein neues Amalgam, das wiederum auf Kultur und Gesellschaft zurückwirkt. 

In der Wissenschaft wird dieses Phänomen bereits als "TikTok Youth Religion" betitelt. Die Entwicklungen werden dort vielfach kritisch reflektiert. Denn die Plattform verbreiten rasch Fehlinformationen oder hypen seltsame spirituelle Lehren bis hin zu Phänomenen wie "Verschwörungsspiritualität", also der Überschneidung von Spiritualität und Verschwörungstheorien.

Auch gibt es eine rege Debatte darüber, ob TikTok tatsächlich als Medium für theologisches Engagement und Diskussionen dient - oder lediglich eine Echokammer für die Nutzer*innen, die bestehende Meinungen und Ansichten weiter verfestigt. Die noch sehr disparaten wissenschaftlichen Studien geben sehr unterschiedliche Meinungen wieder; erste Ergebnisse lassen sich jedoch ausmachen:

Wie der Algorithmus die TikTok-Inhalte prägt

Grundsätzlich gilt für TikTok wie für die meisten Socialmedia-Plattformen: Die Inhalte sind eng an den Algorithmus gebunden. Viele Creator beziehen sich gezielt auf ihre persönlichen spirituellen Überzeugungen und Erfahrungen und erzeugen damit Inhalte, die eine hohe Authentizität haben. Authentizität gilt wiederum als einer der Schlüssel für erfolgreiche Inhalte auf TikTok. Auch die Plattform selbst ermutigt die Autor*innen und Creator immer wieder dazu, möglichst persönliche Geschichten zu erzählen und Zeugnisse zu teilen, die ihre Botschaften verdeutlichen und Vertrauen innerhalb der eigenen Community erzeugen. 

Die meisten Influencer*innen, die über Glauben und Religion berichten, sind hoch professionell. Sie haben ein eigenes Corporate Design, vertreiben Merchandising-Produkte und arbeiten mit Affiliate-Links und Self-Publishing-Plattformen. Indem die Creator oft auf populäre TikTok-Trends setzen und nutzergenerierte Inhalte einbinden, vergrößern sie gezielt ihre Community und fachen den lebendigen Austausch von Ideen und Erfahrungen an oder sogar für einen medialen Hype. Der Glaube wird zur Marke.

Oft wird TikTok genutzt, um Rituale, Brauchtum und Glaubensgrundsätze zu vermitteln. Jüdische TikTok-Creators teilen historische oder kulturelle Einblicke oder erläutern etwa die Vorbereitungen für wichtige Feste oder weniger bekannte Fakten, wie zum Beispiel, warum einige orthodoxe Juden ihre Toiletten-Papierrolle vor dem Sabbat halbieren. Oder es werden populäre Formate genutzt wie Memes oder Frage-Antwort-Formate. Der Priester Father Andrew etwa beantwortet in seinen kurzen Videos die Fragen seiner Community.  Oft funktionieren die kurzen Videos wie kleine Kurzgeschichten, sie sind unterhaltsam, informativ, lustig. 

Andere Influencer*innen führen eigene Rituale oder Konzepte ein, die von den jungen Menschen gerne übernommen werden, wie etwa die "heiligen Mädchengewohnheiten" oder Slogans wie "Gott ist so cool!". Auch mit einem humorvollen, mitunter ironischen Umgang mit religiösen Inhalten werden Likes erzeugt - so etwa ein Beitrag, der Jesus als Influencer zeigt und seine Reaktion nach der Aufstehung.  Muslimische Frauen in Deutschland nutzen die Plattform sowohl als Empowerment, erleben dort auch Hass, wie eine Studie über Frauen mit TikTok zeigt.

Radikale Positionen gehen gut

Radikale Positionen sind populär. An die Spitze der deutschen Albumcharts hat es das Hip-Hop-Duo O’Bros geschafft. Eine ihrer Liedzeilen lautet: "Radikale jugendliche Christen mit Extremismus-Potential. Und die Polizei ermittelt wegen Fundamentalismus, uns doch scheißegal" - weshalb sie von Kritikern zu den KiNC-Fluencern gezählt werden, die Kurzform von "Kingdom-minded Network Christianity", eine Gruppierung, die pfingstlich-charismatische Netzwerke bezeichnet. 

Von vielen erzkonservativen Influencer*innen werden dann Aufrufe über "Kein Sex vor der Ehe" ebenso in ein sanftes Storytelling verpackt wie rechtskonservative Positionen. Leonard Jäger, der als "Ketzer der Neuzeit" einen YouTube-Kanal betreibt, startet mit dem Satz "Ich bin Leo, ich bin Christ & ich mach mein Ding" und verbreitet Verschwörungsmythen und queerfeindliche Äußerungen. Andere Influencer*innen nutzen seelische Notlagen der Menschen aus und reagieren auf Einsamkeit und Zweifel mit zweifelhaften seelsorgerlichen Tipps ("Du musst nur mehr Beten"). 

Die andere Seite, über die viele berichten, ist der Hass und die Belästigung, die viele Creator*innen erleben. Gerade weil Glaube und Religion für viele ein schwieriges Thema ist, werden die Inhalte mit abfälligen Kommentaren versehen, die Personen verbal angegriffen und übel beschimpft. Das berichtet auch Celine Edinger, die als feministische Christfluencerin im Netz unterwegs ist.

Glaube und Religion polarisieren - ein Mechanismus, der von den sozialen Medien gewollt ist, weil er dazu führt, dass die Menschen länger auf der Plattform verweilen und sich engagieren. 

Was noch hinzukommt: Viele Menschen schätzen die Anonymität der Plattformen: So können sie ihre Überzeugungen oder neue Glaubenswelten frei erforschen und sich ausdrücken, ohne sofort Angst haben zu müssen, für ihre Ansichten kritisiert zu werden. Diese Freiheit sorgt andererseits natürlich auch für eine zunehmend bunte Glaubenswelt, in der unterschiedliche Praktiken, spirituelle Erfahrungen und Rituale in einer persönlichen Patchwork-Religion zusammengesetzt werden.

Auswirkungen von TikTok auf religiöse Identität

Der tägliche Umgang mit Socialmedia-Plattformen wie TikTok prägt die religiöse Identität junger Menschen. Im Gegensatz zu traditionellen religiösen Einrichtungen, die sich für viele junge Menschen als starr oder hierarchisch wahrgenommen werden, bieten spirituellen Online-Gemeinschaften eine Erfahrungswelt, die offener und freier zu sein scheint. 

Die neuen digitalen Kirchencommunities tummeln sich im Netz, in Foren wie Reddit, auf Facebook-Gruppen. Auf Discord-Servern treffen sich Menschen, um über Themen zu diskutieren, gemeinsam Gottesdienst zu feiern und Erfahrungen auszutauschen. Diese Flexibilität in der Nutzung unterschiedlicher Technologien entspricht dem Wunsch der Generation Z, ihren eigenen spirituellen Weg zu gehen und nach eigenen Regeln, Zeit- und Ortsunabhängig nach Sinn und Verbindung zu suchen.

Religiöse Diskurse im Netz verstehen

Die meisten Kirchen und Religionsgemeinschaften haben längst auf den neuen Trend reagiert. Sie sind mit eigenen Instagram-Kanälen oder auf Tiktok, mit Youtube-Videos, Facebook-Gruppen oder Gemeinde-Apps im Netz unterwegs. Die Vielfalt der Kanäle und Inhalte ist kaum noch zu überschauen. Faktisch sorgt sie aber für eine weitere Diversifizierung von Glauben und Religion - in anderen Worten: Wir bewegen uns immer stärker in kleinen Glaubensblasen.

Die britische Wissenschaftlerin Esmé L.K. Partridge erklärt den Aufschwung von religiösen Creator*innen im Netz unter anderem damit, dass sich viele Menschen unsicher fühlen und das Netz als destabilisierend und überwältigend wahrnehmen. Diese Kräfte, die durch die neuen Technologien freigesetzt werden, sorgen dafür, dass viele Menschen bisherige Barrieren traditioneller Lebensformen aufbrechen und deren Gültigkeit in Frage stellen. Dieses Phänomen wird als "Detraditionalisierung" bezeichnet. 

Die Socialmedia-Plattformen setzen uns laut Partridge so vielen unterschiedlichen und widersprüchlichen Bildern und Ideologien aus, dass wir dies als Chaos empfinden. Unsere Vorstellungen von Realität und Wahrheit werden immer häufiger untergraben und befinden sich in Auflösung. Der digitale Raum wird zu einem Marktplatz der Ideen, der unsere bisherige Welt zum Schmelzen bringt. 

"Es gibt immer noch viele Tabus rund um Religion ... viele Negativitäten, und junge Menschen wollen Dinge suchen, die über sie selbst hinausgehen ... deshalb macht moderne Technologie viele dieser Spiritualitäten für sie so attraktiv", meint Partridge. Gleichwohl ist die Wissenschaftlerin der Ansicht, dass die sozialen Plattformen auch eine Chance sein können, ein neues, jüngeres Publikum zu erreichen und an "alte" Institutionen zu binden. Das Netz destabilisiere die Gesellschaft, könne aber auch Motor sein für neue Gemeinschaften, so Partridge. 

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Kommentare

Florian Meier am Don, 21.08.2025 - 08:46 Link

Die Frage ist wie nachhaltig das alles ist. Bei uns geht es netztechnisch eher sparsam zu. Es spricht nichts dagegen neue Medien auch in der Gemeinde einzusetzen, aber die ohnehin knappen Personalressourcen sollte man eher in die realen Projekte stecken. Radikale, simple Thesen raushauen können andere eh besser. Es gibt aber ein paar Kanäle, die ich auch selber einmal verfolge: Einspielungen von Gesangbuchmelodien zwecks Übung, Andachten eines Norddeutschen Pfarrers, die mir ganz gut gefallen und theologisch-zeitgeschichtliche Diskussionen aus der Schweiz. Mit Tiktok hat das aber nichts zu tun. Ich bezweifle eher, dass man damit hochwertigen Kontent herstellen kann. Dafür braucht es etwas Tiefe und die lässt sich nicht in die berühmten 1:30 Statements pressen - neue Technik hin oder her. Man mag damit die Jugend locken und vielleicht bei Massenproduktion mit Witz auch halten, aber wenn dann nichts danach kommt, läuft sich das irgendwann tot. Wenn man Leute vor Ort hat, die sich da gerne betätigen und vielleicht schon etwas Erfahrung haben - warum nicht? Aber auf Biegen und Brechen irgendwelchen Kontent generieren, der einem eigentlich selbst fremd ist? Das ist eher verschwendete Liebesmüh und muss auch nicht jede Gemeinde machen. Lieber eine regionale Gruppe, die dann auch die kritische Masse begabter Aktiver erreicht.