19.12.2019
Glaube & Musik

Weihnachtstalk: Christliche Rapper O'Bros treffen Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm

Stille Nacht, heilige Nacht - mit Choral oder Rapsong? Zum vorweihnachtlichen Fachgespräch über Musik, Glaube und junge Menschen in der Kirche trafen sich der bayerische evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm und das Münchner Hip-Hop-Duo Max und Alex - die O'Bros - in der Jugendkirche München. Was Gottesdienste mit Ying und Yang zu tun haben und wann Liebe am stärksten wirkt.

In einem ihrer Musikclips fahren die O'Bros mit einer alten, zum Cabrio umgesägten Rostlaube über eine spanische Insel und besingen ihr Gottvertrauen: "Ich kenne keinen außer dir – wohin sonst könnt ich gehen?" ist der Refrain. Die gleiche Botschaft in anderen Worten trägt Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm bei seinen Fahrten von Termin zu Termin mit sich, nur in einem etwas seriöseren Auto. Die Wellenlänge stimmt also, als sich der 59-jährige Kirchenmann und die beiden 22 und 23 Jahre alten Studenten in der Rogatekirche Ramersdorf begegnen, die seit zweieinhalb Jahren die Kirche der evangelischen Jugend München ist.

Die Regie beim Weihnachtsdreh des Evangelischen Fernsehens gibt ein paar Fragen vor, und mehr als Stichworte braucht das Trio auch nicht. Zum Einstieg geben die O'Bros eine Kostprobe ihrer Kunst und rappen unplugged ein kurzes Stück, in das sie gleich noch den Namen des Landesbischofs mixen – selbiger zeigt sich beeindruckt: "Das gefällt mir, das ist lebensfroh, lebendig, solche Musik passt zum Christentum."

Musik sei für viele Menschen ein "großer Zugang zu Glauben und zu Gott", pflichtet Alex bei.

"Dinge auszusingen statt sie auszusprechen macht etwas mit der Seele", ist der 23-Jährige überzeugt.

Sein Bruder erinnert sich an seine Schulzeit: "Wir hatten in der Schule Musik in der Nullten Stunde – es war der Horror, so früh aufzustehen, aber danach haben wir uns lebendig gefühlt."

Dass der Landesbischof keine Berührungsängste mit junger Musik habe, verdanke er auch einem seiner Söhne, "der auf Hiphop steht". Gegen den Strich gingen ihm allerdings "Texte, die menschenverachtend sind – da müssen wir diskutieren, welche Art von Jugendsprache ok ist, und was gar nicht geht", sagt der Theologe. Volle Zustimmung bei den christlichen Rappern: "Die meisten Hiphop-Songs handeln von Gewalt auf der Straße. Dagegen wollen wir ein Ausrufezeichen setzen: das muss nicht so sein!" sagt Alex.

Er und sein Bruder Max wollen jungen Christen als Vorbilder dienen:

"Wir wollen zeigen: Du kannst dich hinstellen und offen sagen, dass du Christ bist, das ist ok, kein Stress!", sagt Alex.

Im offiziellen O'Bros-Fanshop finden sich dazu die passenden Merchandising-Produkte: Kapuzenpullis mit dem Aufdruck "BKNNTNS", Stoffbeutel mit "Chvrchies"-Logo.

Allerdings haben die beiden nach ihrem ersten viralen Video "Gott sei dank" auch schon Shitstorms und sogar Morddrohungen erhalten. Bei einem Nachwuchsbandcontest 2019 traten sie gegen Bands aus allen Stilrichtungen an. Christlicher Hiphop versus Heavy Metall? "Die Reaktionen waren zum Teil offener Hass", erinnern sich die Brüder. Gewonnen haben sie trotzdem – eine besondere Erfahrung für beide.

Solchem Stress setzen sich die O'Bros aber nicht dauernd aus. Meistens touren Max und Alex auf dem Weg zu christlichen Festivals oder großen Jugendgottesdiensten quer durch den deutschsprachigen Raum – von Bremen bis Wien, von Sachsen bis in die Schweiz. Der Sonntagsgottesdienst ist für die beiden Freikirchler dennoch Pflicht:"Ein Sonntag ohne Gottesdienst ist wie Ying ohne Yang", sagt Alex.

Musik trage ihn durchs ganze Jahr, "aber besonders im Advent gehört Musik, gehören die Weihnachtslieder dazu", sagt Alex und will von Bedford-Strohm wissen, ob der Advent für den Bischof nicht doppelt stressig sei. Der lacht und sagt:

"Mein Terminkalender ist immer voll, aber wenn ich im Advent draußen im Dunkeln die Lichter sehe, spüre ich etwas von der Botschaft des Advent: Wir warten auf die Geburt Jesus, die Liebe Gottes."

Licht habe etwas Hoffnungsstiftendes, gerade wenn es in der Dunkelheit sichtbar werde. "Wenn ich unterwegs bin, bleibe ich einfach mal stehen, schaue aufs Licht und habe einen Moment der Ruhe, der Stille", bekennt der Landesbischof.

Bei der Frage "Kirche und Jugend sind wie…" ist Bedford-Strohm ein wenig bang vor der Antwort der jungen Männer. "Hoffentlich nicht wie Feuer und Wasser", scherzt er, doch Max hat eine viel smartere Antwort parat.

"Kirche und Jugend sind so wie Auto und Motor", findet der 22-jährige BWL-Student.

Der Motor sei ein essentieller Teil des Autos, aber nicht der einzige: "Ohne Lenkrad oder Reifen geht’s auch nicht."

Dennoch sei Kirche immer eine Bewegung gewesen, und "gerade bei Bewegungen ist immer die Jugend ein riesen Motor". Kirche sei nicht "Gremien mit grauen Haaren" findet er, und sein Bruder ergänzt: "Wenn wir uns in unserer Gemeinde beteiligen durften, kamen immer tolle Sachen raus." Das ist die Botschaft der O'Bros an den Bischof: Jugendlichen Raum geben, sie ermutigen und ihnen das Gefühl vermitteln: "Toll, dass ihr das anders macht!"

Dass es manchmal nicht so leicht ist, Werte wie Nächstenliebe im Alltag zu leben, hat Max selbst schon erlebt. Er habe in der Schule eine heftige Mobbingerfahrung gemacht. Zwei Jahre habe es gebraucht, aber dann "konnte ich denjenigen aus reinem Herzen vergeben – das hat die Leute total erstaunt". Liebe habe den größtmöglichen Effekt, wenn der andere es nicht erwarte, ist sein Fazit. Landesbischof Bedford-Strohm ergänzt, dass Nächstenliebe "immer was zu tun hat mit Einfühlung". Ihn fasziniere der Gedanke, dass sich die Liebe Gottes immer in der Liebe zu den Menschen zeige.

"Du kannst nicht beten und gleichzeitig zu anderen mies sein", so der Theologe.

Überhaupt, das Beten. Mit andächtig gefalteten Händen in einer Kirchenbank hat das für die O'Bros wenig zu tun. "Beten ist eine Haltung", sagt Alex und zitiert das Paulus-Wort "Betet allezeit ohne Unterlass." Das bedeute für ihn: "Gott ist jetzt da. Ich kann jetzt eins sein mit ihm." So werde Beten für ihn zu einer Frage des Lebensstils.

Wie gewohnt es die Brüder sind, in aller Öffentlichkeit über ihren Glauben zu reden, zeigt ihr Weihnachtsgruß an die Fernsehzuschauer: "Wir wünschen allen, dass sie diese Weihnachten erkennen, was es bedeutet, dass Jesus Gott war und Mensch geworden ist, einfach nur um ihnen nahe sein zu können", formuliert Max druckreif.

Der Landesbischof sich da nur anschließen: Dass Menschen "in den guten und den schweren Stunden Gottes Segen spüren", sei sein Wunsch zum Weihnachtsfest 2019.

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