Soziale Projekte
In Zeitschriften blättern, aufs Handy gucken oder Smalltalk sind banale Zeitvertreibe auf dem Friseurstuhl. Nachhaltiger geht's auf dem Teppich von Friseur Danny Beuerbach zu: Wer ihm dort während des Haarschnitts ein Buch vorliest, zahlt nichts.
Vorlesefriseur

Hier fallen nicht nur Haare, sondern auch jede Menge Worte: Danny Beuerbach kniet auf einem bunten Teppich und hört zu. Mit Beten hat das aber nichts zu tun, und auch nicht mit dem Besuch bei einem normalen Friseur. Denn Beuerbach ist Vorlesefriseur, und zwar ein mobiler. Wenn der Mann mit dem markanten Wuschelkopf arbeiten möchte, breitet er irgendwo seinen Teppich aus, legt sein Werkzeug bereit und ein paar Bücher, und wartet ab. "Meist dauert es nicht lange, dann kommen die Menschen neugierig auf mich zu", erzählt der frisch prämierte Träger des Deutschen Lesepreises 2021. Und bald sitzt auch schon der erste unter seiner Schere und beginnt zu lesen.

Kontakt und Vertrauen zu Menschen zum Guten nutzen

So wie Leopold. Während Beuerbach mit orangem Kamm und scharfer Schere dessen Haupthaar auf Vordermann bringt, rattert es im Oberstübchen des Neunjährigen gehörig. Souverän liest er dem Friseur bei einer Aktion in einer Dachauer Bibliothek 17 Seiten aus dem Buch "Der Drache aus dem blauen Ei" vor. "In unserem Beruf baut man schnell Kontakt und Vertrauen zu Menschen auf, das können wir zum Guten, sozial und nachhaltig nutzen, um die Lesekultur zu fördern", sagt der kreative Friseur.

"Book a look and read my book" ist daher das Motto des Friseurs, mit dem der Münchner als Leseförderer durch Deutschland, Österreich und die Schweiz tourt. Für die Aktion hat er auch ein eigenes Kinderbuch geschrieben: In "Der magische Frisör", erschienen im Ravensburger Verlag und geeignet für Leseanfänger, reisen die Geschwister Lila und Erik gemeinsam mit dem magischen Friseur Danny durch Fantasiewelten, treffen dort Ritter, Drachen und Einhörner und müssen etliche "haarige" Probleme lösen.

Entstehung des Projekts durch einen einfachen Vorsatz

Entstanden ist das soziale Projekt durch den simplen Vorsatz Beuerbachs, dass er selbst mehr lesen wollte. "Aber weil das aufgrund meiner vielen Arbeit nicht geklappt hat, habe ich angefangen, meine Lektüre mit in den Salon zu nehmen und meine Kunden zu fragen, ob sie mir nicht daraus vorlesen wollen", erzählt er.

Bald entstand die Idee, die Aktion vor allem für Kinder anzubieten. "Kinder, die Angst vor dem Haare schneiden haben oder schnell ungeduldig werden, sind durch die Bücher abgelenkt. Außerdem werden sie ermutigt, sich im Vorlesen zu üben", sagt Beuerbach. "Book a look and read my book" sei also auch ein einfaches und niederschwelliges Leseförderungsprogramm. Und davon kann es nicht genug geben: Laut verschiedener Studien der Stiftung Lesen (Mainz) liest ein Drittel der Eltern seinen Kindern zwischen zwei und acht Jahren nicht oder zu wenig vor. Das beschere dem Nachwuchs viele Nachteile, zählt Stiftungs-Sprecherin Franziska Hedrich auf: Der Wortschatz sei kleiner, die Kinder könnten sich nicht so gut konzentrieren, verfügten über weniger Sachwissen und hätten selbst weniger Lust aufs Lesenlernen. "Dieser Nachteil lässt sich durch die Schulen nur schwer wieder aufholen", sagt Hedrich.

Studie zeigt, ein Drittel der Eltern liest zu wenig vor

Umso wertvoller seien Projekte wie das von Beuerbach, das die Stiftung Lesen daher gerne unterstützt und nun gemeinsam mit der Commerzbank-Stiftung mit dem Deutschen Lesepreis 2021 ausgezeichnet hat. "Es bringt Bücher und Geschichten an Orte, an denen Kinder und Jugendliche sie nicht erwarten", sagt Hedrich. Losgelöst vom Lernen in der Schule und ohne Druck könnten sie hier jemandem vorlesen, der einfach zuhört. Die Aktion sorge für Selbstvertrauen und motiviere viele Kinder, auch nach dem Friseurbesuch zu einem Roman, Comic oder Sachbuch zu greifen, ist Hedrich überzeugt. Außerdem könnten mit der Idee junge Menschen erreicht werden, die in ihrem Alltag wenig Zugang zum Lesen haben.

Werdegang der Projektgründers

Der Werdegang des gebürtigen Hessen, der seit über zehn Jahren in München lebt, ist so bunt wie sein Friseurteppich: Er war Festival- und Schnellschneidefriseur, arbeitet freiberuflich in verschiedenen Salons und schneidet als Open-Air-Friseur mit seinem Pop-Up-Salon überall dort, wo seine Kunden es möchten - in Bächen, auf Dächern oder an Bushaltestellen. Er veranstaltet kostenlose Haarschneideaktionen für Obdachlose und unterstützte während des Lockdowns Eltern online dabei, auch noch die Kinderhaarschnitte selbst hinzubekommen. Immer, wenn er seinen "Pop-Up-Teppich" ausbreitet, ist der Vorlesehaarschnitt gratis; beim Vorlesen im Salon bekommen die Kinder einen Rabatt.

Für dieses Projekt "Leseförderung beim Friseur", das von der Stiftung Lesen und vom Ravensburger Verlag unterstützt wird, sucht Beuerbach nun weitere Mitstreiter. Friseure, die bereit sind, ebenfalls Rabatte an Kinder zu vergeben, wenn die während des Haarschnitts aus einem Buch vorlesen, können sich bei ihm melden - und Leseförderung salonfähig machen.

Der "Vorlesefriseur" Danny Beuerbach erhält Deutschen Lesepreis

Der Münchner "Vorlesefriseur" Danny Beuerbach hat den Deutschen Lesepreis 2021 erhalten. Bei seinem Projekt "Book a look and read my book" schenke er Kindern den Haarschnitt, wenn sie ihm währenddessen vorlesen, teilten die Stiftung Lesen und die Commerzbank-Stiftung mit. Das sei ein einfaches Konzept, das Lesebarrieren abbaue und Leselust steigere.

Der Deutsche Lesepreis ist mit insgesamt 25.000 Euro dotiert. Er geht in diesem Jahr an 16 Personen und Einrichtungen, die sich nachhaltig für die Leseförderung einsetzen. Den Sonderpreis für prominentes Engagement erhielt der Münchner Fußballprofi Thomas Müller für seinen Einsatz bei der Leseförderung von Kindern und Jugendlichen. Die Preisverleihung fand digital statt.

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