Berchtesgaden (epd). Das von den Nationalsozialisten errichtete Kehlsteinhaus am Obersalzberg in Berchtesgaden ist in Flammen aufgegangen und dabei weitgehend zerstört worden. Ein 33-jähriger Mann steht nach Polizeiangaben unter dringendem Tatverdacht, den Brand gelegt zu haben. Das in 1.834 Metern Höhe gelegene, denkmalgeschützte Gebäude war 1937/38 gebaut worden. Es war in der NS-Zeit Teil des Führersperrgebietes Obersalzberg und lag etwa sechs Kilometer vom Berghof Adolf Hitlers entfernt.
Das seit 1952 als Berggaststätte genutzte Kehlsteinhaus sei bei dem Brand am Freitagabend "weitestgehend zerstört worden", teilte ein Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd am Samstag dem Evangelischen Pressedienst (epd) auf Anfrage mit. Verletzt wurde nach bisherigen Erkenntnissen der Polizei niemand.
Herrmann: Haus soll keine Ruine bleiben
Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) stellte einen Wiederaufbau des Kehlsteinhauses in Aussicht: "Ich habe spontan gesagt, es wird auf jeden Fall da keine Ruine bleiben", sagte er am Samstag vor Journalisten. Das Haus sei mit einer besonderen Historie verbunden und ein Ausflugsziel für Tausende Menschen jährlich. Er habe sich vergewissert, dass der Berggasthof versichert sei. Zuerst müssten jedoch die Ermittlungen abgeschlossen und der Schaden festgestellt werden. Man werde in enger Zusammenarbeit mit der Gemeinde, dem Landkreis, Historikern und der zuständigen Stiftung beraten, wie es weitergeht.
Nach Angaben der Dokumentation Obersalzberg ist der Lern- und Erinnerungsort, der sich mit der Geschichte des Obersalzbergs und der NS-Diktatur auseinandersetzt, von dem Brand nicht betroffen. Der Leiter der Dokumentation Obersalzberg, Sven Keller, sagte dem epd auf Anfrage, auf die Arbeit der Dokumentation Obersalzberg werde der Brand wenig Auswirkungen haben. "Zu beklagen ist der Verlust materiellen historischen Erbes gleichwohl, es anzuzünden ist keine Lösung", unterstrich der Historiker. Dies sei kriminell.
Historiker: Schwieriges Erbe
"Auch wenn es ein schwieriges Erbe ist: Man verliert damit die Chancen für Geschichtsvermittlung und Aufklärung, die ein verantwortungsvoller Umgang damit bietet. Solche Orte wecken Interesse, sie bieten Reibungsfläche und Diskussionsanlässe", sagte Keller, der auch Abteilungsleiter im Institut für Zeitgeschichte München-Berlin ist. Das Gebäude habe das Kriegsende praktisch unbeschadet überstanden.
Ein 33-jähriger Mann mit deutscher Staatsangehörigkeit steht nach Polizeiangaben unter dringendem Tatverdacht, den Brand gelegt zu haben. Der Mann, der seinen Wohnsitz in Berlin hat, wurde am Freitagabend zunächst vorläufig festgenommen, weil er Einsatzkräften der Feuerwehr im Umfeld des Brandortes auffiel. Die Verdachtsmomente hätten sich im Laufe des Samstags erhärtet, gegen ihn bestehe dringender Tatverdacht. Der Mann sei in einer geschlossenen Psychiatrie vorläufig untergebracht worden.
Hitler besuchte Teehaus nur selten
Das Teehaus auf dem Kehlstein wurde 1937/38 als Ausflugsziel für Adolf Hitler gebaut, der es laut Keller allerdings nur selten nutzte. "Wir wissen nur von 14 Besuchen, er brachte vor allem ausländische Staatsmänner, Diplomaten und Journalisten hinauf", sagte der Historiker. Das Kehlsteinhaus sei Überwältigungsarchitektur: "Die Gäste sollten durch die Bergkulisse beeindruckt werden - und auch durch die technische Leistung, mit der man sich dort die Natur untertan gemacht hatte."