Andechs (epd). Die "materialistischen Ideologien" von Nationalismus, Marxismus und Kapitalismus zerstören nach Ansicht von Bernd Posselt die europäische Einigung und den demokratischen Rechtsstaat. Dies sagte der Präsident der Paneuropa-Union Deutschland und langjährige CSU-Europaabgeordnete beim 66. Andechser Europatag seiner Organisation, wie diese am Sonntag mitteilte. Als Gegenkraft forderte Posselt eine Wiederbelebung der christlichen Soziallehre, wie sie ihren Weg in die erste päpstliche Sozialenzyklika "Rerum novarum" von 1891 fand.

Europa werde zurzeit gleichermaßen von Zersplitterung und von Zentralismus bedroht, sagte Posselt. Dieser Zentralismus sei aber kein europäischer, sondern der im 19. und 20. Jahrhundert vorherrschende nationalstaatliche. Er schwäche Europa und unterdrücke zugleich die regionale und kommunale Ebene.

"Das geistige Rückgrat" der EU-Verträge

Gemeinsam mit der Freiburger Schule der Nationalökonomie, die von der Dynamik des Wettbewerbs ausgeht, und der evangelischen Sozialethik bilde die Katholische Soziallehre das geistige Rückgrat Europas, so Posselt. Dies gelte etwa für die EU-Verträge und für die Erneuerung des europäischen Wirtschafts- und Lebensmodells. Dieses unterscheide sich grundlegend vom Kollektivismus Chinas wie auch vom Extrem-Individualismus der USA.

Aus europäischer Sicht steht laut Posselt der Gemeinwohl-Gedanke im Mittelpunkt. Dieser bedeute, dass man sich für ein gedeihliches Zusammenleben auch dann einsetzen müsse, wenn man selbst davon keine Vorteile, sondern vielleicht sogar Nachteile habe: "Ohne Einsatz und Opferbereitschaft kann eine Gemeinschaft wie die EU in einer immer gefährlicheren Welt nicht überleben."

Subsidiarität und Solidarität müssten ausbalanciert werden, so Posselt: Ersteres bedeute Eigenverantwortung und letzteres Hilfe für Menschen in Not. Der Personalismus als Begriff der Soziallehre betone die Menschenwürde und Eigenständigkeit jedes Einzelnen, sehe ihn aber zugleich als soziales Wesen, das sich nur in der Gemeinschaft entfalten kann und für diese Verantwortung trägt.