Kreatin, Kollagen, Vitamin D, Omega 3, Selen, Jod und Vitamin B12. Wer heute durch die Drogerie schlendert, erlebt eine seltsame Verschiebung der Verhältnisse: Die Regale mit Waschmittel und Klopapier schrumpfen, während sich die Nahrungsergänzungsmittel ausbreiten, als stünde eine zweite, coronaähnliche Zivilisationskrankheit bevor. Bitte nicht!

Pillen in allen Farben, Pülverchen für jede Lebensphase, Kapseln gegen das gefährliche Altern selbst. Und über allem schwebt unausgesprochen die Frage: Willst du wirklich früher sterben, als du müsstest?

Milliardenmarkt Langlebigkeit

Und dann ist da natürlich die Tech-Szene aus den USA, mit ihren Milliardeninvestitionen in den Longevity-Markt: KI-gestützte Wirkstoffentwicklung, Bioprinting – also gedruckte 3D-Gewebe oder sogar Organe, jene Teile, die wir Niere oder Lunge nennen – dazu Zellreprogrammierungen und allerlei futuristischer Schnickschnack.

Wer ein Gefühl für die Größenordnung haben will: Laut "Mordor Intelligence" könnte der Longevity-Markt, also medizinische Therapien und digitale Angebote gegen das Altern, bis 2031 auf 46,86 Milliarden US-Dollar wachsen. Zum Vergleich: Dann wäre der Markt größer als der aktuelle Jahresumsatz von Netflix.

Fragt man sich, worum es hier eigentlich noch geht, kann einem schon fast schlecht werden. Gesundheit? Dieses wünschenswerte Gut ist längst nur noch Vorwand, das Startkapital für das eigentliche Ziel: nicht sterben. Kapsel für Kapsel, Blutwert für Blutwert, 3D-Niere für 3D-Niere – dem großen Traum der Unsterblichkeit immer einen Tick näher.

Anti-Aging als Geschäftsmodell

Wer nicht sterben will, möchte leben. Die Gleichung darf man wohl so aufstellen. Hier versperrt sich aber der Blick. Das berühmteste, teuerste, lebendigste Beispiel ist derzeit Bryan Johnson. Der US-Tech-Unternehmer macht sich selbst zur Hauptfigur seines Anti-Aging-Programms "Project Blueprint":

Jeden Tag exakt dasselbe essen, exakt dieselbe Grammzahl – vollständig pflanzlich, versteht sich. Schlaf optimieren, hunderte Nahrungsergänzungsmittel schlucken, Licht- und Kältetherapie und natürlich "a lot" of Sport. Das Ziel lautet: das biologische Alter senken, den Alterungsprozess stoppen, kurz: Langlebigkeit systematisieren – und damit gleich noch ein Geschäftsmodell daraus bauen.

Unterstützt wird Johnson von mehr als 30 Ärzt:innen und Gesundheitsexpert:innen. Die Rechnung? Rund zwei Millionen US-Dollar. Und während bei den meisten von uns ein Schreibtisch, ein Fernseher oder ein Bügelbrett zu Hause herumsteht, reiht sich bei Johnson ein Arsenal an Gesundheitsgeräten: Rotlicht- und Nahinfrarot-Therapie, ein hochintensives elektromagnetisches Gerät für den Beckenboden, um nur einige zu nennen.

In der Netflix-Doku über Bryan Johnson, "Don’t Die", bekommt man ein recht klares Bild davon, wie das Leben aussieht, wenn man selbst zum Bekämpfer des Todes wird: Es wirkt einsam, monoton, kontrolliert und vor allem unfrei.

Der Preis des langen Lebens

Im Grunde ist das Ziel, nicht zu sterben, eine Strafe für das Leben. Es gibt kein "Geschafft". Kein freudiges Aufblicken in die Zukunft, keine losgelösten Momente mit den Ururur-Enkel, die einen zum Lächeln bringen. Der Wunsch, nicht zu sterben, endet im Spiegel voller Pillen und Laborberichte: Hier erkennt man, dass Altern sich vielleicht verzögern, aber niemals abschaffen lässt.

Jeder medizinische Akt dagegen bedeutet, das Leben an sich vorbeiziehen zu lassen. Zwei Millionen US-Dollar ausgeben – nur um dann beim Skifahren zu stürzen oder beim Überqueren der Straße von einem Auto erfasst zu werden? Natürlich nicht. Rückzug und Vorsicht sind angesagt. 

Alles, was Freude macht – Hobbys, Freund:innen treffen, Abenteuer erleben, ja – selbst das Nichtstun wird zur potenziellen Gefahr. Das ist ein hoher Preis. In der Serie sagt Johnson berührend ehrlich: "Ich fühle mich einsam." Sein Sohn wechselt aufs College. Das ist die einzige Szene, in der Johnson innerlich zerrissen wirkt. Er weint. Vor laufender Kamera. Bitterlich. Lange leben, ohne Freude, Freunde oder Sonne im Gesicht – was soll daran lebenswert sein?

Der uralte Wunsch nach dem ewigen Leben

Dabei ist der Wunsch, möglichst lange zu leben, so alt wie die Menschheit selbst. Man erinnere sich an die biblische Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies – der Preis: der Verlust der Unsterblichkeit. Der Ethiker und Theologe Jean-Daniel Strub bezeichnet diesen Wunsch im "bref Magazin" als "so etwas wie den Gründungsmythos der Menschheit". Und das, obwohl er selbst diese Haltung für wenig erstrebenswert hält. Erst die Endlichkeit verleiht dem Leben seinen Wert.

Das Ziel, den Tod zu überlisten, bedeutet aber auch: sich selbst wichtiger nehmen als alle anderen. Menschen, die plötzlich roboterartige Egoist:innen werden? Hilfe! Eine Gesellschaft von Langlebigen macht für die Nachkommenden keinen Platz.

Gemeinschaft statt Unsterblichkeit

Zum Glück gibt es den Realismus: Wir sind aufeinander angewiesen. Nicht nur, was das Steuersystem angeht, nein – elementar. Nähe, Vertrauen, Gemeinschaft. Das ist lebenswichtig. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass soziale Isolation und Einsamkeit weltweit für rund 870 000 bis 880 000 Todesfälle pro Jahr mitverantwortlich sind – in einer Größenordnung, die sonst klassischen Verhaltensrisiken vorbehalten ist wie Rauchen oder körperlicher Inaktivität. 

Die Vermessung von Leben in Messwerten erfasst nicht, was Leben wirklich ausmacht. Das menschliche Leben ist unverfügbar – ein Gedanke, der schon im Christentum verankert ist. Der Tod kann plötzlich und unerwartet eintreten. Wir haben keine Macht über ihn. Um zu akzeptieren, dass nicht alles kontrollierbar ist, braucht es Mut. Und vor allem die Bereitschaft, sich der eigenen Endlichkeit zu stellen – den Blick auf das Unabänderliche zu richten, statt es zu verdrängen.

Den Tod ins Leben integrieren

Das bedeutet auch, einen Weg zu finden, mit der eigenen Sterblichkeit zu leben. Ein schmerzhafter Prozess, ja – und zugleich eine gesellschaftliche Aufgabe. Den Tod nicht aus dem Leben zu verdrängen, nicht zu bekämpfen mit den besten Mitteln, die der Markt bereithält – nicht mit Pillen, Programmen oder Messwerten –, sondern mit Worten und Aufmerksamkeit: ihn ins Gespräch zu bringen, ihn zu integrieren. Er ist da, und er gehört zum Leben dazu.