Selim Özdogan kann nicht nur schreiben, er kann auch Titel. "Ihr kriegt uns hier nicht raus" heißt sein neuer Roman – zunächst eine Anspielung auf den "Rauch-Haus-Song" von Ton Steine Scherben, die Hymne der Hausbesetzerbewegung. Aber der Satz funktioniert auch 2026 noch: als selbstbewusste Ansage an diejenigen, die von "Remigration" reden und Deutschland gerne wieder deutscher – und damit meist: weißer – hätten. 

Ich habe Özdogan Anfang des 21. Jahrhunderts entdeckt, als deutsche Literatur für mich meistens entweder langweilig oder Stuckrad-Barre war – auch langweilig, aber gehypt. Das Buch mit 33 Kurzgeschichten hieß "Ein gutes Leben ist die beste Rache". Schon damals interessierte sich Özdogan weniger für große Konzepte als für die Menschen dahinter: für ihre Widersprüche, ihre Gefühle, ihre kleinen und großen Entscheidungen.

Sein neuer Roman macht etwas Ähnliches, nur in Langform. Er nimmt sich Zeit für das Leben, statt es zu erklären.

Zwischen Familie und Häuserkampf

Baran wächst Anfang der 1980er-Jahre in Köln auf. Sein Vater Merter arbeitet zunächst auf dem Bau, eröffnet aber schon bald seinen eigenen Laden und macht damit dank seiner Geschäftstüchtigkeit gutes Geld. Seine Großmutter Berfin spricht zwar nur Kurdisch, kommuniziert aber trotzdem sehr erfolgreich mit allen, die dies nicht tun. Die Mutter, Damla, bleibt angesichts dieser beiden starken Figuren etwas blass.

Dann zieht die Familie ausgerechnet in ein besetztes Haus. Merter sieht die Sache zunächst ziemlich nüchtern: 100 Mark Miete für eine große Wohnung. Plötzlich treffen Welten aufeinander – die kurdische Familie und die alternative Szene, Plenum, Demos, Häuserkampf und die feste Überzeugung, gemeinsam eine bessere Welt bauen zu können.

Das Interessante ist: Özdogan macht aus diesen Welten weder Karikaturen noch einen soziologischen Lehrfilm. Der Vater ist voller Energie und Wut, manchmal voller Widersprüche und schießt auch mal übers Ziel hinaus. Die Großmutter ist eine beeindruckende, listenreiche Frau, die schon viel gesehen hat und jeden Trick kennt. Die Hausbesetzer sind ganz unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Motiven – nicht alle heilig, nicht alle klar. Und mittendrin Baran, der versucht herauszufinden, wer er selbst sein will.

Menschen statt großer Erklärungen

Genau darin liegt die Stärke dieses Romans. Großpolitische Ideen werden spätestens dann kompliziert, wenn es um Geld geht. Oder um Familie. Oder um den Alltag. Özdogan erzählt das weder als Überhöhung noch als Warnung vor der Utopie. 
Stattdessen hat er eine präzise Beschreibung davon geschrieben, wie Menschen tatsächlich leben: widersprüchlich, manchmal chaotisch, eigensinnig, solidarisch, egoistisch – und trotzdem voller Hoffnung.

Denn wie Menschen zusammenleben, ist die eigentliche Geschichte. Nicht Integration, nicht Identität, schon gar nicht Remigration. Sondern Menschen, die kochen, arbeiten, streiten, sich helfen, sich gegenseitig auf die Nerven gehen und trotzdem versuchen, gemeinsam klarzukommen.

Und damit ist "Ihr kriegt uns hier nicht raus" auch ein Stück westdeutscher Geschichte, das viel zu selten gemeinsam erzählt wird: Einwanderung, Hausbesetzungen und alternative Lebensentwürfe. Özdogan weigert sich, seine Figuren erst erklären zu müssen, bevor sie vorkommen dürfen. Wie gesagt: Er nimmt sich Zeit für das Leben, statt es zu analysieren.

Selim Özdogan (2026): Ihr kriegt uns hier nicht raus, Kanon Verlag, Berlin, 300 Seiten, 25 Euro.

Hier im sozialen Buchhandel Buch7 bestellen