Die Kirchen haben nach dem AfD-Erfolg in Sachsen-Anhalt viel von Menschenwürde, Demokratie und Zusammenhalt gesprochen. Das ist alles richtig – aber es reicht nicht.
Wenn die Kirchen jetzt glaubwürdig sein wollen, müssen sie konkreter werden: Wessen Menschenwürde ist eigentlich besonders bedroht? Wer muss sich vor einem weiteren Erstarken der AfD konkret fürchten?
Wen bedroht die AfD?
An erster Stelle stehen Muslime. Die AfD hat den Islam seit Jahren zu einem politischen Feindbild gemacht und Ressentiments gegen Muslim:innen gezielt politisch genutzt. Sie hat diesen Hass nicht erfunden. Er hat eine lange Vorgeschichte und findet sich auch in Debatten und Publikationen lange vor dem Aufstieg der AfD – etwa bei Thilo Sarrazin. Aber die AfD hat daraus ein politisches Erfolgsmodell gemacht.
Deshalb genügt es nicht, wenn Kirchen in ihren Reaktionen etwa vage von "Migration" sprechen. Wenn eine Partei eine bestimmte Religionsgemeinschaft immer wieder zum Problem erklärt, muss das auch so benannt werden: als antimuslimischer Rassismus beziehungsweise Islamfeindlichkeit.
Die Kirchen sollten dabei auch auf die eigenen Reihen schauen. Sie wissen, dass Vorbehalte gegenüber Muslimen, ebenso wie andere ausgrenzende Einstellungen, nicht an den Kirchentüren Halt machen. Deshalb mag es unbequem sein, klare Worte zu finden. Aber genau darin liegt die Aufgabe einer Kirche, die sich auf die unbedingte Würde jedes Menschen beruft.
Die zweite Gruppe, die besonders deutlich benannt werden muss, sind Menschen mit Behinderungen. Inklusion ist in Deutschland noch längst nicht vollendet. Die AfD stellt aber selbst die kleinen Errungenschaften und Ziele in diesem Prozess infrage und will entsprechende Entwicklungen zurückdrehen.
Und auch queere Menschen gehören zu denjenigen, deren Rechte und gesellschaftliche Akzeptanz durch einen weiteren Rechtsruck unter Druck geraten. Gerade hier haben die Kirchen selbst eine komplizierte Geschichte. Umso wichtiger wäre es, nicht nur abstrakt von Nächstenliebe zu sprechen, sondern noch öfter und noch klarer zu sagen: Wir stehen an der Seite von Menschen, die wegen ihrer Identität, ihrer Lebensweise oder ihrer sexuellen Orientierung angegriffen und ausgegrenzt werden.
Klare Kante statt abstrakter Appelle
Daraus folgt auch eine zweite Konsequenz: Im Umgang mit Rechtsextremismus braucht es klare Kante. Natürlich muss eine Kirche mit Menschen im Gespräch bleiben, die AfD wählen. Sie darf niemanden vorschnell abschreiben. Aber Gesprächsbereitschaft darf nicht mit politischer Beliebigkeit verwechselt werden.
Die Kirchen haben Räume, Netzwerke und eine enorme Zahl von Menschen, die sich vor Ort engagieren. Sie können Begegnungsorte sein, Bildungsarbeit leisten, Betroffene unterstützen und dort widersprechen, wo Menschen herabgewürdigt werden. Sie können aber auch ihre eigenen Strukturen daraufhin überprüfen, wo Ausgrenzung und Vorurteile geduldet werden.
"Geht wählen" reicht nicht
Die Wahl in Sachsen-Anhalt zeigt außerdem die Grenzen eines beliebten kirchlichen Appells: "Geht wählen."
Die Menschen sind wählen gegangen. Die Wahlbeteiligung lag mit 77,8 Prozent auf einem historisch hohen Niveau. Und trotzdem wurde die AfD mit 43,8 Prozent der Zweitstimmen mit großem Abstand stärkste Kraft.
Das bedeutet nicht, dass Wahlaufrufe grundsätzlich falsch wären. Aber sie ersetzen keine politische Strategie. Die entscheidende Frage für die Kirchen lautet nicht, wie sie Menschen dazu bringen, wählen zu gehen. Sondern: Was tun sie zwischen den Wahlen?
Wie sprechen sie über Islamfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus, Behindertenfeindlichkeit und Queerfeindlichkeit? Wie schützen sie Menschen, die davon betroffen sind? Wie widersprechen sie, wenn solche Positionen im eigenen Umfeld auftauchen? Und wie schaffen sie Räume, in denen Menschen wieder Vertrauen in eine demokratische Gesellschaft entwickeln können?
Menschenwürde ist kein abstraktes Kirchenwort. Sie zeigt sich dort, wo eine Gesellschaft entscheidet, wer dazugehört. Demokratie bedeutet nicht nur, Mehrheiten zu akzeptieren. Und Nächstenliebe bedeutet nicht, möglichst niemandem zu widersprechen.
Nächstenliebe bedeutet vor allem eines: sich klar auf die Seite derjenigen zu stellen, die unter Druck geraten.