Bamberg, Bossey (epd). Der Versuch, Religion aus dem öffentlichen Leben herauszuhalten, ist nach Ansicht des bayerischen Landesbischofs Heinrich Bedford-Strohm kontraproduktiv für einen lebendigen Pluralismus. Öffentlich finanzierte theologische Fakultäten und der Religionsunterricht an Schulen belebten den Diskurs über politische Fragen, die moralische Dimensionen berühren, sagte Bedford-Strohm am Montag in seinem Festvortrag beim "dies academicus" der Universität Bamberg.
Für seinen Vortrag "Toleranz und Wahrheit - zur öffentlichen Rolle von Religion in der pluralistischen Gesellschaft" wurde der Landesbischof online aus Bossey bei Genf zugeschaltet. Dort tagt gerade der Exekutivausschusses des Ökumenischen Rates der Kirchen, an dessen Sitzung Bedford-Strohm teilnimmt.
Der Staat lebe in seiner Grundsubstanz von der Vitalität von Traditionen, die seinen humanen Charakter mit Leben füllten, sagte Bedford-Strohm weiter. Deswegen sei es so weise, wenn der Staat die öffentliche Rolle der religiösen und weltanschaulichen Gemeinschaften ausdrücklich bejahe, wie das im Grundgesetz der Fall sei. In einer demokratischen Gesellschaft könne von einer großen Vielfalt verschiedener Konzepte des guten Lebens ausgegangen werden, darunter religiöse und nicht-religiöse.
Die Religionen müssten ihre öffentlichen Theologien mehr entwickeln, forderte der Landesbischof. So könnte der Islam die kritische Reflexion über die eigenen Traditionen und ihre Ambivalenzen intensivieren. Das Judentum könnte seine Theologie des Bodens und seine möglichen Spannungen mit einem Menschenrechtsansatz, der im Völkerrecht zum Ausdruck kommt, reflektieren. So könnten neue Türen im Umgang mit dem Konflikt im Heiligen Land geöffnet werden, sagte Bedford-Strohm.
Das Christentum könnte darauf eingehen, dass sich gesellschaftlicher Wohlstand immer am Schicksal der schwächsten Glieder einer Gesellschaft bemesse. "Angesichts von Energiekrise und Inflation brauchen wir solche Beiträge zur Regeneration des gesellschaftlichen Grundkonsenses", sagte der Bischof.