München (epd). Vor der Bedrohung der Demokratie durch rechtsextreme Parteien und Gruppen hat Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München (IKG), gewarnt. "Die politischen Kräfte, die den Hass unserer Geschichte wieder entfesseln wollen, werden dieses Land erneut in den Abgrund stürzen, wenn wir sie lassen", warnte die 90-Jährige am Mittwochabend beim Gedenkakt zum 9. November im Alten Rathaus München laut Redemanuskript. Dennoch vertraue sie darauf, "dass wir den Damm des Erinnerns hoch genug gebaut haben, damit er der Sturmflut des Vergessens standhält." Jeder Mensch in Deutschland habe "Anspruch auf Schutz, auf Leben, auf Glück", sagte Knobloch: "Am Abgrund stehen wir erst, wenn wir das vergessen haben."

Der Gedenkakt zum 84. Jahrestag der Pogromnacht erinnerte insbesondere an die über eintausend jüdischen Münchnerinnen und Münchner, die ab 1942 nach Theresienstadt deportiert worden waren. Unter ihnen war auch Charlotte Knoblochs Großmutter. "Sie nahm den Platz auf dem Transport ein, damit ich das nicht tun musste. Ich wurde gerettet, weil sie sich opferte", sagte die IKG-Präsidentin. Der Einschnitt des 9. November 1938 habe sie geprägt. Als sie 1945 die Befreiung erlebt habe, sei sie noch ein Kind gewesen, "an Erlebtem aber schwerer beladen als jeder Greis".

Die Rede des erkrankten Oberbürgermeisters Dieter Reiter (SPD) hielt stellvertretend die Zweite Bürgermeisterin, Katrin Habenschaden (Grüne). Die antisemitischen Exzesse der jüngsten Zeit zeigten alle das gleiche Problem: "Dass Gesellschaft, Politik, Justiz, Medien und eben auch die Kunst oftmals unfähig sind, Antisemitismus überhaupt zu erkennen." Es genüge nicht mehr, sich lediglich zur historischen Verantwortung zu bekennen. Vielmehr gehe es darum, "mit Nachdruck und täglich aufs Neue gegen jedwede Form von Antisemitismus anzukämpfen". Die Betroffenen dürften niemals gezwungen sein, ihren Alltag "nach dem Vermeiden einer antisemitischen Bedrohung und Diffamierung auszurichten", sagte Habenschaden.