München (epd). Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) Bayern wendet sich gegen die Pläne der CSU, die telefonische Krankschreibung wieder abzuschaffen. Wer diese Regelung infrage stelle oder pauschal Misstrauen gegenüber Beschäftigten äußere, verkenne die Realität in den Betrieben - "und schadet am Ende der Gesundheit aller", sagte der Vorsitzende des DGB Bayern, Bernhard Stiedl, am Samstag. Es sei niemandem geholfen, wenn Menschen mit Erkältung, Fieber oder Virusinfekten in überfüllten Wartezimmern sitzen, nur um eine Bescheinigung zu erhalten. "Das erhöht das Infektionsrisiko unnötig und belastet die Hausarztpraxen zusätzlich."
Die telefonische Krankschreibung bei leichten Atemwegserkrankungen war 2021 in der Corona-Pandemie eingeführt worden, um die Arztpraxen zu entlasten und das Ansteckungsrisiko in Wartezimmern einzudämmen. 2023 wurde sie dauerhaft etabliert. Nun will die CSU, dass sich Erkrankte künftig wieder in einer Arztpraxis vorstellen müssen, um eine Krankmeldung zu bekommen. Als Grund nennt die CSU den hohen Krankenstand in Deutschland. Das geht aus dem Entwurf des Beschlusspapiers der am 6. Januar beginnenden Klausur der CSU-Bundestagsabgeordneten in Kloster Seeon hervor, aus dem die "Augsburger Allgemeine" (Samstagausgabe) zitiert.
DGB warnt davor, Ärzte und Erkrankte unter Generalverdacht zu stellen
Die telefonische Krankschreibung sei verantwortungsvoll und begrenzt, betonte der DGB Bayern. Denn sie gelte ausschließlich für Patientinnen und Patienten, die in ihrer Hausarztpraxis bekannt seien. Ärztinnen und Ärzte könnten daher fachlich fundiert einschätzen, ob eine leichte Erkrankung vorliege oder eine persönliche Untersuchung notwendig sei. "Wer hier, wie die CSU, Missbrauch wittert, stellt die ärztliche Berufsgruppe ebenso wie erkrankte Beschäftigte pauschal unter Generalverdacht", kritisierte Stiedl.
Das eigentliche Problem liege woanders: Noch immer schleppten sich viel zu viele Beschäftigte krank zur Arbeit - aus Angst vor Nachteilen oder weil ihnen Misstrauen entgegenschlage, sagte Stiedl. Die steigende Zahl von Krankmeldungen werde zudem falsch interpretiert, sagte er und warf der CSU Stimmungsmache vor. Denn seit 2022 gelte eine Meldepflicht, wonach Ärzte Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen direkt an die Krankenkassen übermitteln müssten. Gerade kurze Erkrankungen, die zuvor oft gar nicht erfasst worden seien, tauchten dadurch erstmals vollständig in der Statistik auf.
CSU-Landesgruppe: Deutschland muss Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen
Die CSU nannte als Begründung für ihren Vorschlag, dass die Fehltage seit Einführung der telefonischen Krankschreibung um 40 Prozent nach oben gegangen seien. "Diesen Zustand, der unsere Wirtschaft zunehmend belastet, wollen wir beenden. Die telefonische Krankschreibung wollen wir deshalb abschaffen", fordert die CSU-Landesgruppe laut "Augsburger Allgemeinen". Ihr Vorsitzender Alexander Hoffmann sagte der Zeitung: "Deutschland muss Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen." Wer krank ist, soll nicht arbeiten, aber ein Arztbesuch zur Feststellung der Arbeitsunfähigkeit sei "sachlich angemessen, zumutbar und richtig".
Der Krankenstand in Deutschland ist hoch. Eine Untersuchung der Industrieländerorganisation OECD für das Jahr 2022 war zu dem Ergebnis gekommen, dass die Beschäftigen in Deutschland im Schnitt 25 Tage krankheitsbedingt nicht zur Arbeit kommen konnten. Das war der höchste Wert unter den verglichenen Staaten. Daten der AOK bestätigen die Statistik der OECD, wonach die Arbeitnehmer im Mittel deutlich über 20 Tage pro Jahr krankheitsbedingt fehlen.