München (epd). Vor rund zwei Wochen wurden offenbar der Amtssitz des Münchner Erzbischofs Kardinal Reinhard Marx und die Verwaltungszentrale des Erzbistums von der Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft durchsucht. Es geht um das Thema Missbrauch, die Ermittler waren Medienberichten zufolge auf der Suche nach einem "Giftschrank". Einen Verdacht gegen Marx oder andere Mitglieder der derzeitigen Bistumsleitung gibt es aber nicht. Beide Seiten wollen sich zur Durchsuchung vom 16. Februar nicht äußern. Dafür meldete sich der bayerische Justizminister Georg Eisenreich (CSU) am Montag umfangreich zu Wort.
Nach wie vor gibt es von keiner der beiden Seiten eine direkte offizielle Bestätigung, dass die Durchsuchung am 16. Februar stattgefunden hat. Ein Sprecher des Erzbistums sagte dem Evangelischen Pressedienst (epd) am Montag, man dürfe und werde sich zu dem Thema aktuell nicht äußern. Die Staatsanwaltschaft München I teilte auf Anfrage mit: "Wir können, wie üblich, zu laufenden Ermittlungen keine Auskünfte geben." Die Medien würden - wie immer - erst nach Abschluss der Ermittlungen informiert. Die "Süddeutsche Zeitung" hatte am Sonntag zuerst über die Durchsuchungen berichtet und diese als politisches Signal gewertet.
Weshalb sich die Kirche nicht äußern darf, ließ der Kirchensprecher offen und verwies an die Ermittler von der Staatsanwaltschaft. Deren Sprecherin sagte dazu, man selbst äußere sich nicht zu laufenden Ermittlungen und erwarte dies auch von allen Beteiligten und Betroffenen, "um eben die Ermittlungen nicht zu gefährden". Die Staatsanwaltschaft München I sei mit der Prüfung der Anfang August 2021 durch die Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl mitgeteilten über 40 Fälle befasst, in denen "aus dortiger Sicht ein Fehlverhalten kirchlicher Verantwortungsträger gegeben sein könnte", teilte die Behördensprecherin auf Anfrage schriftlich mit.
Dem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" zufolge gingen die Ermittler Gerüchten nach, dass es im Erzbistum München und Freising einen "Giftschrank" gebe, in dem frühere Verantwortliche Unterlagen zum Missbrauch durch Kleriker eingeschlossen hätten. Das habe die Durchsuchung aber nicht bestätigt, schreibt die Zeitung weiter. Das Erzbistum hatte in der Vergangenheit immer wieder betont, den Behörden alle gewünschten Unterlagen zu geben. Einen Verdacht gegen Kardinal Marx oder andere Mitglieder der derzeitigen Bistumsleitung gebe es nicht, schreibt die "Süddeutsche". Es sollen auch kaum relevante Unterlagen gefunden worden sein.
Justizminister Eisenreich betonte, Durchsuchungen dienten "nicht dazu, ein politisches Signal zu setzen, sondern Beweismittel zu finden". Die Staatsanwaltschaften wendeten Recht und Gesetz an und hätten bei einem unabhängigen Gericht einen Durchsuchungsbeschluss beantragt. Er sagte, die bayerischen Behörden "ermitteln konsequent", niemand stehe "über dem Gesetz, kein Politiker, kein Wirtschaftsboss und auch kein Geistlicher". Zum sexuellen Missbrauch seien im kirchlichen Bereich seit 2010 mehrere Hundert Ermittlungs- und Vorermittlungsverfahren geführt worden; seit 2017 habe es 39 Durchsuchungsaktionen gegeben.
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) wollte die Aktion der Staatsanwaltschaft am Montag bei seinem Besuch im Münchner Presseclub nicht kommentieren: "Das muss die Justiz entscheiden." Das Thema Missbrauchs-Aufarbeitung kommentierte er dann aber ganz allgemein: "Das ist definitiv alles zu spät, alles zu lang." Er respektiere aber auch, was sich bei dem Thema inzwischen getan habe. Es gebe zwischen dem, was in der Öffentlichkeit wahrgenommen werde und was die Kirche seit geraumer Zeit tue, "eine Differenz". Das liege auch daran, dass sie sich bei dem Thema "zu spät der vollen Realität" gestellt und Vertrauen verspielt habe.
Der bayerischen Justiz war in der Vergangenheit von mehreren Seiten vorgeworfen worden, Missbrauchsfälle in der Kirche nicht entschieden genug zu ahnden.