München (epd). Gesundheitsforscher Tobias Effertz sieht den steigenden Absatz alkoholischer Fertigmixgetränke mit Sorge. Die Spirituosenbranche habe in den vergangenen Monaten mit solchen Produkten einen Umsatz von mehr als 715 Millionen Euro erzielt, berichtet die "Süddeutsche Zeitung" (Samstag) und zitiert dabei Daten der Markforscher von "Nielsen IQ". Der Umsatz sei demnach in nur zwei Jahren um 20 Prozent gestiegen. "Das ist das gleiche Problem wie in den Nullerjahren", sagte Effertz, der an der Uni Hamburg zu den volkswirtschaftlichen Kosten des Alkoholkonsums forscht: "Starke Süße wird mit Alkohol kombiniert. Das macht es Jugendlichen leichter, das zu konsumieren."
Laut Effertz ist die Situation "sogar gefährlicher geworden", denn der Alkoholgehalt dieser Mixgetränke ist jetzt höher als während der ersten Erfolgswelle der sogenannten Alkopops. Auffällig sei, dass die neuen Mixgetränke stets einen Alkoholgehalt von zehn Prozent aufwiesen. Effertz sieht darin eine Lücke im Alkopop-Steuergesetz von 2004. Dieses sieht für Alkopops eine Strafsteuer vor, die bis zu einem Alkoholgehalt von zehn Prozent greift - die Strafsteuer werde von der Industrie mit dem aktuellen Alkoholgehalt von exakt zehn Prozent umgangen. Effertz forderte eine Reform der Alkopopsteuer. "Man muss den Steuertarif gleitend gestalten: Die Steuer steigt, wenn mehr Alkohol enthalten ist."
Das Bundesgesundheitsministerium wollte sich dem Bericht zufolge nicht konkret zu einer möglichen Reform äußern. Eine Sprecherin verwies lediglich auf Aufklärungs- und Informationsarbeit als Instrument der Alkoholprävention. Der Marktforscher Andreas Heim von "Nielsen IQ" bezeichnete die Spirituosen-Mischgetränke in der "Süddeutschen" als wachsende Kategorie der Alkoholindustrie. Die konsumfertigen Dosen sprächen "vor allem jüngere Zielgruppen" an. Die Spirituosenbranche wies laut dem SZ-Bericht die Kritik zurück und verwies darauf, dass ihre Produkte gegenüber Bier und Wein wegen der Alkoholsteuer bereits steuerlich im Nachteil seien.