München (epd). Bei einer Anhörung im Rechtsausschuss des Bayerischen Landtags zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen in der Kirche haben Experten die Mitverantwortung des Staates betont. Der Münchner Sozialpsychologie-Professor und Mitglied der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM), Heiner Keupp, sagte am Donnerstag in München, "das Kirchenversagen, wenn man es so bezeichnen will, ist immer auch ein Staatsversagen". Behörden und Politik müssten sich schon auch fragen, weshalb man so lange zugeschaut, anstatt gehandelt habe.

Keupp sagte, er freue sich sehr, dass die bayerische Sozialministerin Ulrike Scharf (CSU) nun endlich die Einrichtung einer unabhängigen Anlaufstelle angekündigt habe. Bislang habe man sich bei diesem Thema immer verweigert, erläuterte Keupp. Solch eine Stelle sei aber nicht ausreichend. Es brauche einen wirklich unabhängigen Missbrauchsbeauftragten mit einem gut ausgestatteten Arbeitsstab, zudem eine unabhängige und interdisziplinär besetzte Aufarbeitungskommission sowie "vom Staat formulierte Standards und Rechte", die in einem Aufarbeitungsprozess gesichert sein müssen: "Solche Standards fehlen bisher."

Der Leiter des Landeskirchenamts der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB), Oberkirchenrat Nikolaus Blum, war ebenfalls als Experte in den Landtagsausschuss eingeladen. Auch er äußerte nicht zum ersten Mal "eine Bitte an Staat und Politik", nämlich "genauer die Elemente und Bestandteile zu bestimmen, die für eine Aufarbeitung notwendig und unverzichtbar sind". Blum begrüßte daher den Vorstoß der UBSKM für ein Aufarbeitungsgesetz, das dann eben solche Standards vorgeben könnte. Die "Verfahren und Kriterien, die jetzt für die Kirchen entwickelt werden" müssten künftig auch in anderen Bereichen Anwendung finden, sagte er.

Der Passauer Strafrechts-Professor Holm Putzke sagte in seiner Experten-Einlassung, es könne beim Thema Missbrauch durchaus der Eindruck "einer Sonderbehandlung der Kirchen" durch die Strafverfolgungsbehörden entstanden sein. Der Münchner Generalstaatsanwalt Reinhard Röttle und auch der Leitende Oberstaatsanwalt Michael Schrotberger als ständiger Vertreter des Nürnberger Generalstaatsanwaltes wiesen dies zurück. Es sei "völlig weltfremd" zu behaupten, die Staatsanwaltschaften würden Unterschiede zwischen der Kirche und beispielsweise Sportvereinen als Tatort machen.

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