Tutzing (epd). Auf die Bedeutung von lebendiger Erinnerungskultur für die Demokratie hat Irina Scherbakowa, Mitbegründerin der russischen Menschenrechtsorganisation "Memorial", hingewiesen. Seit ihrer Gründung 1989 habe Memorial Fotos, Dokumente und private Gegenstände von ehemaligen politischen Häftlingen gesammelt, öffentlich zugänglich gemacht und so die Bewältigung der Sowjet-Vergangenheit in Gang gesetzt, sagte die Historikerin am Mittwochabend bei einem Festempfang der Evangelischen Akademie Tutzing laut Redemanuskript. Das Putin-Regime jedoch zerstöre schon seit Jahren systematisch "die Erinnerung, schließt Archive und indoktriniert Schülerinnen und Schüler".

Geschichte sei für den Kreml-Herrscher nur "eine Quelle für nationalistische Mythen und Konstrukte" zur Bildung einer neuen nationalen Identität, sagte die Aktivistin, die für ihr Engagement mit dem "Tutzinger Löwen" ausgezeichnet wurde. Ende 2021 war Memorial in Russland verboten worden. 2022 erhielt die Organisation den Friedensnobelpreis. Irina Scherbakowa lebt seit Juli 2022 in Deutschland und führt die Arbeit aus dem Exil fort.

Durch Erinnern die Gegenwart gestalten

Als Schirmherrin des neuen Tutzinger Formats "Forum Demokratie" würdigte die bayerische Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) den Einsatz Scherbakowas. "Erinnern ist Ihr Widerstand!", sagte Aigner laut Redemanuskript. Nur mithilfe der Erinnerung könne eine Gesellschaft "die Gegenwart einordnen und gestalten". Am russischen Angriffskrieg auf die Ukraine könne man hingegen die "entsetzlichen Folgen" ablesen, wenn eine Diktatur die Deutungshoheit über die Vergangenheit an sich reiße: "Geschichte wird zur Waffe, Ereignisse werden verdreht, Schuld wird umgedeutet", sagte die Landtagspräsidentin. Beim Thema Erinnerungskultur müsse eine Demokratie allen Schlussstrich-Forderungen entschieden entgegentreten.

Der Tutzinger Löwe steht laut Evangelischer Akademie für Toleranz und Weltoffenheit. Zu den letzten Preisträgern gehörten der frühere Bundespräsident Joachim Gauck (2019), der Philosoph Jürgen Habermas (2021) sowie der ehemalige Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm und sein Amtskollege Thabo Makgoba, Primas der anglikanischen Kirche im Südlichen Afrika (2023).