Erlangen, Nürnberg (epd). Experten des Instituts für Erziehungswissenschaft an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg lehnen ein generelles Social-Media-Verbot für Minderjährige ab. "Ein solcher Schritt würde zu weit führen, weil er gleich mehrere Grundrechte tangiert, die Meinungsfreiheit, Informationsfreiheit und das Recht auf digitale Teilhabe", sagte Franco Rau, Inhaber des Lehrstuhls für Schulpädagogik mit dem Schwerpunkt Digitalisierung im Unterricht, am Freitag.
Hinzu kämen folgenschwere Kollateralschäden für die Jugendlichen, wenn diese allein gelassen würden mit einer Auseinandersetzung, an der früher oder später ohnehin kein Weg vorbeiführe. Wenn 16-Jährige unvorbereitet in die Social-Media-Welt entlassen würden, dann wären neue Probleme vorprogrammiert. Rau und weitere Fachleute des Instituts werben daher für einen differenzierteren Blick. Social Media als bloßes toxisches Gift zu sehen, greife für sie zu kurz.
Konkret plädieren sie dafür, pädagogisch entgegenzuwirken, um Jugendliche zu einem kompetenten und verantwortungsvollen Umgang mit den sozialen Medien zu befähigen. Am Institut würden daher intensiv die Schattenseiten von Social Media diskutiert - dazu zählen etwa unrealistische Schönheitsideale, idealisierte Lebensentwürfe, gezielte Einflussnahme durch Rechtsaußen sowie frauenfeindliche, antidemokratische und toxische Weltbilder, die über Social Media transportiert würden.
"Hinzu kommt, dass Anbieter sozialer Medien intransparente Algorithmen und manipulative, teilweise sogar verbotene Designelemente einsetzen, um User an die Plattformen zu binden, damit diese dort immer mehr Zeit verbringen und andere Inhalte konsumieren als ursprünglich beabsichtigt", sagte der Medienpädagoge, Professor Rudolf Kammerl. Solche "Dark Pattern" führten dazu, dass rund ein Viertel der Jugendlichen ein suchtähnliches oder riskantes Nutzungsverhalten entwickelten.
Die Experten nehmen auch die Politik in die Pflicht: Diese müssten die Anbieter von Social-Media-Plattformen deutlich stärker kontrollieren und sanktionieren, etwa wenn diese bestehende Altersbeschränkungen nicht wirksam durchsetzten, sagte Jane Müller, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Pädagogik. Der Großteil jedoch entwickle kein riskantes oder pathologisches Verhalten, sagte Kammerl. Ein generelles Verbot würde daher die Rechte der Jugendlichen beschränken.
Die Experten wiesen auch auf die positiven Seiten von Social Media hin. Auch politische Bildung finde dort statt. "Wenn wir Jugendlichen diese Informationsquelle entziehen würden, wäre das ein demokratiepolitisches Eigentor", sagte Müller. Zudem könne Social Media auch anderweitig im Alltag sinnvoll genutzt werden, etwa um Freundschaften zu pflegen, den Kontakt mit der Familie zu halten und sich zu Fragen auszutauschen.