Würzburg, München, Bad Windsheim (epd). Für den Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster, ist die Reichspogromnacht vom 9. November 1938 "der folgenreichste und schlimmste Tag der deutschen Geschichte". Wenn er "dieser Tage die Bilder brennender Flüchtlingsunterkünfte sehe, die Hakenkreuzschmierereien an Schulen und anderswo", habe er das Gefühl, "dass diese Gewissheit nicht häufig genug betont werden kann", sagte Schuster am Mittwochabend bei einem Gedenken an die Novemberpogrome am Platz der Alten Synagoge in der Würzburger Domerschulstraße.
Zentralratspräsident Schuster sagte, Unsicherheit sei schon immer ein Nährboden gewesen "für radikales Denken, für vereinfachende Ideologie und einen Hass, der sich gegen alles richtet, das als anders wahrgenommen wird". Juden seien in diesen Zeiten besonders häufig Opfer von Angriffen und Beleidigungen, sie müssten als Sündenböcke herhalten. Die Gesellschaft dürfe bei ausländer- oder judenfeindlichen Taten "nicht wegschauen und das einfach so hinnehmen". Der 9. November 1938 dürfe nicht nur am Jahrestag Thema sein, er müsse ganzjährig im Bewusstsein verankert sein.
Ohne eine gelebte Erinnerungskultur gebe es auch keine demokratische Kultur der Bundesrepublik Deutschland, betonte Schuster zudem in einem Gastbeitrag für die "Süddeutsche Zeitung" (Mittwoch). Laut einer aktuellen Umfrage würden 49 Prozent der Deutschen gerne einen Schlussstrich unter die NS-Vergangenheit ziehen. Aus Schusters Sicht ein ganz falsches Signal. "Es wird eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sein, die Erinnerung an die Schoah zu bewahren und mit der Gesellschaft weiterzuentwickeln." Bald werde es keine Zeitzeugen mehr geben. Das mache "das verantwortungsbewusste Erinnern nicht leichter".
Der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm sagte zum Gedenktag, die Schändungen und Zerstörungen von jüdischen Geschäften, Wohnungen und Synagogen in der Reichspogromnacht seien "immer wieder von Neuem unfassbar". Dass "Menschen zu solch niederträchtigem Handeln fähig" seien "und jede Menschlichkeit einfach hinter sich lassen" konnten, sei unbegreiflich, sagte der evangelische Theologe in einem am Mittwoch auf Facebook veröffentlichten Video. "Wenn Juden in unseren Tagen von menschenverachtenden Antisemiten bedroht werden, dann stehen wir an ihrer Seite."
Die Ansbach-Würzburger Regionalbischöfin Gisela Bornowski hat angesichts "einer komplizierten Welt mit komplexen Problemen" vor einfachen und schnellen Antworten gewarnt. Verschwörungstheorien hätten aktuell deshalb leider bei manchen Menschen Hochkonjunktur, sagte die evangelische Theologin am Mittwoch in Bad Windsheim bei einer Gedenkfeier zu den Novemberpogromen. Einer Neuauflage "einer antisemitischen Verschwörungstheorie" müsse man deshalb "entschieden entgegentreten", forderte Bornowski.
Dazu gehöre auch, sich "deutlich zu Wort" zu melden, wenn bewusst oder auch nur gedankenlos antisemitische Formulierungen verwendet würden. Dies gelte "für Gespräche im Freundeskreis, am Stammtisch, im Verein", erläuterte die Regionalbischöfin. Bornowski erinnerte auch an die "lange und unsägliche Tradition" des kirchlichen Antisemitismus. "Lasst uns jetzt alles tun, damit wir als Kirche nicht wie vor 84 Jahren Teil des Problems sind", erläuterte sie.
Mit der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 gingen die Nationalsozialisten zur offenen Gewalt gegen die jüdische Minderheit im Dritten Reich über. Vielerorts brannten die Synagogen und jüdischen Gebetshäuser. Jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden verwüstet und jüdische Bürger misshandelt. Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass mehr als 1.300 Menschen getötet und mindestens 1.400 Synagogen in Deutschland und Österreich stark beschädigt oder zerstört wurden.