Den Satz "Lächel doch mal, dann geht es dir wieder besser" bekommen Menschen mit psychischen Erkrankungen wie einer Depression immer wieder aus ihrem Umfeld zu hören.

"Das wird von vielen Patient:innen als sehr verletzend aufgefasst, denn es impliziert, dass die Schwere der Erkrankung nicht gesehen wird", sagt Lena Gmelch, Forscherin am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU).

Dennoch hat der Forschungsansatz, den Gmelch und ihr Team verfolgen, mit genau diesem Lächeln zu tun.

"Wir wissen aus der Forschung, dass das Gehirn ein Muskel ist und alte Nervenbahnen im Gehirn nur überschrieben werden können durch intensive tägliche Arbeit an neuen Prozessen."

An dieser Stelle setzt das Projekt "BioFACEBack" an, das in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Maschinelles Lernen und Datenanalytik läuft. Inspiriert ist der Name vom Begriff "Biofeedback", der das Messen körperlicher Prozesse mit technischen Mitteln beschreibt.

Wie eine App bei Depressionen positive Denkmuster trainieren soll

Das Ziel: Über eine Handy-App könnten in Zukunft die Gesichtsausdrücke von Patienten analysiert und über die Gesichtsmuskelaktivität - wie ein Lächeln - positive Denk- und Verhaltensweisen eingeübt werden.

Die Grundidee dahinter ist, dass Depressionen auf mehreren Ebenen behandelt werden müssen, auch auf körperlicher und kognitiver Ebene.

"Das heißt, mit einem guten Ratschlag ist es nicht getan, aber mit täglichem Üben an der Körperhaltung, der Gesichtsmuskulatur, an den Gedanken und Verhaltensweisen können Veränderungen erreicht werden", erklärt Gmelch.

Dr. Lena Gmelch

Dr. Lena Gmelch arbeitet am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der FAU Erlangen-Nürnberg.

Gesichtsmuskeln und Emotionen: So funktioniert das Training

Seit mehreren Jahren forscht und entwickelt der Lehrstuhl an der App. Deren Training findet mit gesunden Proband:innen statt. Eine von ihnen ist Paula Sanders, Psychologiestudentin im zweiten Semester.

Die App kann Gesichtsausdrücke zwar schon voll automatisiert erfassen, dafür müssen aber kleine Elektroden im Gesicht der Probandin angebracht werden, die die Bewegungen der Muskeln registrieren: je zwei auf der Stirn, unter dem Auge, im Mundwinkel und auf dem großen Kaumuskel am Kiefer. Laut Gmelch sind diese Muskeln zentral für den Emotionsausdruck.

Negatives wegschieben, Positives stärken: Was Probanden erleben

"Ich musste verschiedene Sätze aus der App vorlesen, die entweder positiv oder negativ waren", erzählt Paula Sanders. Darunter waren Sätze wie "Ich bin nicht gut genug", "Niemand unterstützt mich" oder "Ich schaffe das".

Durch ein breites Lächeln konnte die Probandin die positiven Sätze auf dem Bildschirm zu sich heranziehen, negative Sätze durch die entsprechende Mimik von sich wegschieben.

"Ich habe gemerkt, dass nach dem ersten Durchlauf mit den negativen Sätzen meine Stimmung schlechter war. Bei den Positiven ging es wieder hoch", erzählt Sanders.

Obwohl sie gesund ist, hat sie die Übung als durchaus anstrengend wahrgenommen.

Warum Selbstwirksamkeit bei Depressionen eine Schlüsselrolle spielt

"Die Arbeit an einer depressiven Erkrankung erfordert wahnsinnig viel von Patient:innen", bestätigt die Forscherin. Der Vorteil dabei sei die Erfahrung von Selbstwirksamkeit.

"Die Probanden erleben, wenn sie ihr Gesicht richtig einsetzen, kriegen sie das Positive, das ihnen guttut."

Auch an der Präsentation des Biofeedbacks werde aktuell gearbeitet. So gibt es eine Variante, bei der eine kindliche Version des Selbst auf dem Bildschirm zu sehen ist, das die eigenen Gesichtsausdrücke spiegelt. "Dahinter steht der Gedanke, dass man sich um ein eigenes, inneres Kind lieber kümmert", so Gmelch.

Von der Forschung in die Praxis: Wann die App klinisch getestet wird

Ist diese Forschungsphase abgeschlossen, soll die App in die klinische Anwendung gehen, also an Probanden getestet werden, die an einer Depression erkrankt sind.

"Wir sehen die App nicht unbedingt als eigene Intervention für die Hosentasche, sondern immer engmaschig begleitend zu einer Therapie, wo die Patienten auch die Theorie dahinter lernen", erklärt Gmelch.

Dahinter stehen klare Ziele: Psychotherapeut:innen sollen entlastet werden, Patient:innen beim regelmäßigen Üben Unterstützung bekommen. Im Idealfall könnte die Ergänzung durch die App zu einer kürzeren Therapiezeit führen.

Um überhaupt so weit zu kommen, müssen laut Gmelch weitere Fördergelder eingeworben werden, um eine randomisiert kontrollierte Studie durchführen zu können. Sie gilt als Goldstandard der klinischen Forschung und untersucht die Wirksamkeit einer Behandlung. Dabei gibt es eine Gruppe, die die tatsächliche Behandlung erhält, und eine Kontrollgruppe.

Depressionen sind behandelbar – und frühe Hilfe entscheidet

Auch wenn bis zu einer möglichen praktischen Einführung der App noch Jahre vergehen können, ist Lena Gmelch absolut überzeugt von dem Ansatz, Depressionen auf mehreren Ebenen anzugehen.

"Depressionen sind in der Regel gut behandelbar. Es ist kein Schicksal, psychisch erkrankt zu sein und zu bleiben", betont die Forscherin.

Wer über längere Zeit negative Gefühlsveränderungen bei sich feststellt, solle in jedem Fall zumindest bei der Hausärztin oder beim Hausarzt einen Termin machen.