Die Kindergärtnerin Carla Reed wacht eines Morgens auf und kann ihre Kinder nicht mehr aus dem Bett holen. Sie ist dreißig Jahre alt und selbst Mutter. Seit Wochen ist sie müde, ihr Zahnfleisch ist weiß und auf ihrer Haut erscheinen blaue Flecken. Irgendwann geht sie zum Arzt und erhält die Diagnose Leukämie, Blutkrebs.

Mit Carla beginnt der Mediziner und Sachbuchautor Siddhartha Mukherjee seine Geschichte des Krebses. Noch bevor wir etwas über Zellen, Gene, Chemotherapie oder Onkogene erfahren, lernen wir einen Menschen kennen, eine Patientin, die wissen möchte, was mit ihr geschieht.

Mukherjee merkt, dass sich diese scheinbar einfache Frage kaum beantworten lässt, ohne eine andere zu stellen: Was ist Krebs überhaupt? Um sie zu beantworten, geht er weit zurück.

Schon ein ägyptischer Papyrus aus der Zeit um 1600 vor Christus beschreibt Geschwülste in der Brust. Der persischen Königin Atossa soll Jahrhunderte später ein Sklave einen Tumor aus der Brust geschnitten haben. Der griechische Arzt Hippokrates erkennt in Geschwülsten die Form eines Krebses und nennt sie karkinos.

Eine der faszinierendsten Geschichten der Medizin

Mukherjee erzählt von Ärzten, die immer radikaler operieren, weil sie glauben, noch nicht genug Gewebe entfernt zu haben. Von der Entdeckung der Röntgenstrahlung und von Senfgas, das auf Umwegen den Weg zur Chemotherapie ebnet. Von Sidney Farber, der in den 1940er-Jahren erstmals Leukämie bei Kindern mit Medikamenten bekämpft, und von Forscherinnen und Forschern, die entdecken, dass Krebs letztlich in unseren Genen entsteht.

Vielfach glaubte die Medizin, kurz vor dem endgültigen Sieg gegen die Krankheit zu stehen. Immer radikaler wurde operiert, bestrahlt und vergiftet. Der amerikanische "War on Cancer" machte aus einer Krankheit schließlich einen militärischen Gegner, der mit genügend Geld, Forschung und Entschlossenheit vernichtet werden müsse – und könne.

Teil von uns

Doch Krebs ist kein Virus und kein Bakterium, das von außen in unseren Körper eindringt. Die Krebszelle ist eine menschliche Zelle – nur halt außer Kontrolle geraten. Sie nutzt genau jene Fähigkeit, ohne die wir nicht leben könnten: sich zu teilen.

Mukherjee gelingt es, diese komplexe Biologie erstaunlich verständlich zu erklären. Die rund 900 Seiten Medizingeschichte sind jedoch kein Spaziergang. Namen, Studien, Wirkstoffe und molekularbiologische Zusammenhänge häufen sich, manche Passagen müssen Nicht-Mediziner wie ich zweimal lesen.

Aber Mukherjee besitzt eine Fähigkeit, die vielen Wissenschaftlern fehlt: Er ist ein guter Erzähler. Immer wieder baut er Spannung auf, wechselt zwischen Labor und Krankenzimmer, zwischen triumphierenden Forscherinnen und Forschern und sterbenden Patientinnen und Patienten. Wissenschaft erscheint dabei nicht als geradliniger Marsch zum Fortschritt, sondern als erstaunlich menschliches Unternehmen: geprägt von Neugier und Genialität, aber ebenso von Konkurrenz, Eitelkeit, Irrtümern und leider auch erschreckender Rücksichtslosigkeit.

Keine einfache Lösung

Und wir lernen, dass es "den Krebs" nicht gibt, sondern Hunderte verschiedene Erkrankungen. Wahrscheinlich wird es deshalb auch nie den einen historischen Moment geben, an dem die Menschheit verkünden kann: Wir haben gewonnen.

Dabei sind manche Krebsarten, die früher fast einem Todesurteil gleichkamen, heute gut behandelbar. Andere bleiben hingegen tödlich. Neue Therapien können zwar manche Leben um Jahre verlängern, aber ein heroischer Sieg bleibt insgesamt aus.

Der Autor Siddhartha Mukherjee wurde 1970 in Neu-Delhi geboren und arbeitet als Professor an der Columbia University in New York. Für dieses Buch erhielt er den Pulitzer-Preis. Die Jury würdigte die Verbindung von klinischer und persönlicher Perspektive mit der langen Geschichte einer Krankheit, die uns bis heute herausfordert.

"Der König aller Krankheiten" ist kein leichtes Buch. Manchmal ist es erschütternd, manchmal wissenschaftlich anspruchsvoll und gelegentlich schlicht zu ausführlich. Aber nach fast 900 Seiten verstehen wir Krebs anders als zuvor.

Siddhartha Mukherjee (2012): Der König aller Krankheiten. Krebs – eine Biographie, Ullstein Buchverlag, Berlin, 912 Seiten.

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