Im Gremium für die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche gibt es erneut eine personelle Veränderung: Betroffenensprecherin Nancy Janz zieht sich zurück – auch weil sie grundlegende Fortschritte vermisst. Die Kirche reagiert mit Bedauern.

In einer am Mittwoch verbreiteten persönlichen Erklärung schrieb Janz, ihre Entscheidung sei das "Ergebnis einer intensiven Zeit und anhaltend hohen Engagements" als Sprecherin der Betroffenen im Beteiligungsforum Sexualisierte Gewalt in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Diakonie. Dieses Engagement sei "auch über persönliche Grenzen hinausgegangen". Zugleich übte sie deutliche Kritik an mangelnden Fortschritten bei Aufarbeitung und Prävention.

Janz hatte das Beteiligungsforum (BeFo), das 2022 gegründet wurde, von Beginn an mit aufgebaut. Ihre Hoffnung sei gewesen, "dass Betroffene in diesem Forum wirklich mitwirken können und an allen Entscheidungen beteiligt sind", sagte sie dem evangelischen Magazin chrismon. Dieses Prinzip halte sie weiterhin für richtig: "Dass Betroffene gemeinsam mit Beauftragten der Kirche Entscheidungen treffen, finde ich nach wie vor wichtig."

Hohe Belastung – und Frust über mangelnde Umsetzung

Als Grund für ihren Rückzug nennt Janz neben inhaltlichem Frust auch die enorme Arbeitsbelastung. "10 bis 20 Stunden pro Woche ist für ein Ehrenamt wirklich viel", sagte sie. Neben ihrer Vollzeitstelle sei das auf Dauer kaum zu leisten gewesen. Zwar habe das Beteiligungsforum wichtige Reformen angestoßen, etwa im kirchlichen Disziplinarrecht, beim Aufbau unabhängiger Aufarbeitungskommissionen und bei der Entwicklung einheitlicher Anerkennungsverfahren sowie einer Vernetzungsplattform für Betroffene. "Doch wir scheitern immer wieder bei der Umsetzung", so Janz.

Ein zentrales Problem sei, dass einzelne der 20 evangelischen Landeskirchen gemeinsame Beschlüsse nicht oder nur abgeschwächt umsetzten.

"Weil einige Landeskirchen ausscheren und ihre eigenen Regeln machen – obwohl sie sich eigentlich zum BeFo bekannt haben."

Besonders große Landeskirchen wie Niedersachsen und Bayern nannte sie als Beispiele.

Konkret kritisiert Janz etwa Vorgaben in Niedersachsen: Dort sollen Betroffene vor einem kirchlichen Anerkennungsverfahren zunächst Anzeige erstatten und ein staatliches Strafverfahren durchlaufen. Das sei eine "sehr große Hürde" und widerspreche dem Ziel eines niedrigschwelligen Verfahrens. "Da frage ich mich schon, welche Haltung die leitenden Geistlichen und Juristen haben. Stehen die Betroffenen im Mittelpunkt oder die Institution?"

Kirche reagiert mit Bedauern

Die Sprecherin der kirchlichen Beauftragten im Beteiligungsforum, Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst, bedauert den angekündigten Rückzug. Janz habe das Forum "von Anfang an und entscheidend geprägt", erklärte Wüst in einer der Redaktion vorliegenden Mitteilung. Sie habe als Sprecherin der Betroffenengruppe eine besondere Verantwortung übernommen, "die auch mit persönlicher Belastung verbunden war".

Wüst betonte, man verstehe die Kritik als Auftrag, den eingeschlagenen Weg konsequent weiterzugehen. Im Beteiligungsforum wolle man "offen über ihren angekündigten Rückzug, ihre Beweggründe und mögliche Schlussfolgerungen für die Weiterentwicklung der Struktur sprechen". Gemeinsamer Anspruch bleibe Transparenz und Dialog:

"Wir reden miteinander, halten Spannungen aus und arbeiten kontinuierlich daran, Strukturen stetig zu verbessern."

Einen Kulturwandel in der Kirche hält auch Janz für dringend nötig. In der Diagnose sei sie sich mit Wüst einig. "Dass es in der Umsetzung so schwierig ist, erzeugt auf allen Seiten viel Frust. Wir sprechen seit Jahren über dieselben Fragen, und dennoch gibt es an vielen Stellen kaum spürbaren Fortschritt für betroffene Personen. Das tut weh." Häufig habe sie den Eindruck, Betroffene würden als "Alibi" genutzt, um Beteiligung zu demonstrieren.

"Es fehlt der Wille, Haltung zu zeigen"

Warum Landeskirchen Beschlüsse nicht konsequent umsetzen, führt Janz auf fehlende Prioritätensetzung in Leitungsämtern zurück. Das Thema sexualisierte Gewalt sei zwar angekommen, "aber entscheidend ist, wie sich die leitenden Personen positionieren". Ihr Eindruck: "Bei einigen fehlt der Wille, Verantwortung zu übernehmen und Haltung zu zeigen." Es sei eine Führungsaufgabe deutlich zu machen, dass Aufarbeitung kein rückwärtsgewandtes Thema sei, sondern entscheidend für die Zukunft der Kirche.

Strukturell sei die evangelische Kirche zudem schwer steuerbar. Anders als in der katholischen Kirche lasse sich wenig "von oben nach unten durchsetzen". Zugleich sei der Frust der Betroffenen groß. "Es ist ein zermürbender Spagat zwischen den Erwartungen der Menschen, die Schlimmes erlebt haben, und den Strukturen, die sich nur im Schneckentempo verändern."

Konflikte auch unter Betroffenen

Mit Janz verliert das Beteiligungsforum innerhalb kurzer Zeit seine zweite prominente Stimme. Bereits im Herbst hatte Detlev Zander sein Sprecheramt niedergelegt und ebenfalls Defizite bei der Aufarbeitung kritisiert. Seitdem war Janz alleinige Sprecherin der Betroffenen. Für eine Übergangsphase will sie im Gremium bleiben, sich danach aber vollständig zurückziehen.

Belastend waren für sie nicht nur strukturelle Blockaden, sondern auch Konflikte innerhalb der Betroffenengruppe. Immer wieder sei es um Fragen der Legitimation gegangen: Wer dürfe sprechen, wer gelte als kirchennah oder kirchenfern? Teilweise habe es eine "Art Leidenshierarchie" gegeben, sagte Janz. Das habe sie sehr belastet.

"Wir Betroffene untereinander konnten es nicht lösen."

Die kirchlichen Vertreter hätten sich aus Sorge vor dem Vorwurf der Einmischung zurückgehalten. So seien Spannungen bestehen geblieben.

Darin sieht Janz ein grundsätzliches Problem kirchlicher Prozesse: "Da wiederholt sich etwas, was wir immer wieder vorfinden: dass nicht klar ist, wer die Verantwortung übernimmt." Hinzu komme eine große Angst, Fehler zu machen. "Und bevor man etwas falsch macht, macht man lieber nichts."

Zentrale Rolle des Beteiligungsforums

Das Beteiligungsforum ist das zentrale Gremium von EKD und Diakonie für Fragen der Aufarbeitung und Prävention sexualisierter Gewalt. Dort wird unter anderem darüber beraten, nach welchem Verfahren und in welcher Höhe Betroffene Anerkennungsleistungen erhalten sollen. Eine entsprechende Richtlinie existiert, ist aber noch nicht flächendeckend umgesetzt.

Die evangelische Missbrauchsstudie vor zwei Jahren hatte Kirche und Diakonie gravierende Mängel im Umgang mit Fällen sexualisierter Gewalt attestiert. Die Forscher sprachen von "Verantwortungsdiffusion", Harmoniezwang und unklaren Zuständigkeiten, die Aufklärung und Aufarbeitung behindert hätten.

Janz leitet weiterhin die Fachstelle sexualisierte Gewalt in der Bremischen Landeskirche. Ihre Arbeit für Betroffene wolle sie dort fortsetzen – außerhalb des Beteiligungsforums.

(om/epd)