Der ANKER-Sonntag richtet sich an Witwen und Witwer – nicht als Trauerseminar, sondern als Nachmittag zum Freuen. Beate Wurziger-Keltsch, Geschäftsführerin des EEB Hochfranken und
Pädagogische Leiterin für die Dekanate Selb und Wunsiedel, beschreibt das so: "Der Sonntag ist ein Angebot für Witwer und Witwen zum Freuen, weil die Wochenenden für Leute, die alleine leben müssen, weil sie verwitwet sind, besonders schlimm sind. Weil sie die Einsamkeit am schlimmsten spüren."

Ein Platz am Tisch

Manfred Sauer ist 91 Jahre alt. Seit drei Jahren ist er Witwer. Was ihn nach Bad Alexandersbad führt, sagt er ohne Umweg: "Mich reizt einfach die Gemeinschaft, die man hier findet." Er kennt das Haus schon lange, war kein Fremder, als er das erste Mal zum Sonntag kam. Was ihn hält, ist der Geist des Ortes: "Die Freundlichkeit, die man da empfängt, die Gemeinschaft, die man immer wieder findet. Sehr gute Gespräche, die man immer wieder hat."

Barbara Szabo hat diesen Ort gefunden, ohne vorher jemanden dort zu kennen. Sie kommt aus Fürth, ist 67 Jahre alt. Ihr Mann starb 2020 an Covid. Bei einem Ausflug nach Betzenstein entdeckte sie in einer Kirche das Programm aus Bad Alexandersbad. "Und da habe ich beschlossen: Da gehst du mal hin."

Sie blieb. "Ich hab niemanden gekannt. Aber es ergeben sich immer nette Kontakte und Gespräche." Und dann sagt sie: "Man kann auftanken. Kommt raus aus dem grauen Alltag."

Von Schwarz ins Gelbe

Angefangen hat der ANKER-Sonntag mit einer Trauergruppe. Ute Brüting war damals dabei. Sie hat an diesem Sonntag ihr Seelenbrett mitgebracht – ein bemaltes Brett, entstanden während des Trauerseminars. "Die haben wir bemalt während dieses Trauerseminars. Unterschiedlich gestaltet, aber immer mit Farbe. Immer symbolhaft. Von Trauer, Schwarz, Feuer hinaufgehen in das Gelbe und Grüne. Also in die Hoffnung sozusagen."

Damals waren es fünf, sieben, acht Menschen. Sie hatten in drei Novemberwochen zusammengefunden, jeder mit einem Verlust im Gepäck. "Wir haben geredet, wir haben geweint, zusammen", sagt Brüting. Nach dem Ende der Trauergruppe entstand die Idee, das weiterzuführen – aber anders. Heute, sagt Brüting, habe es "nichts mehr mit Trauerarbeit zu tun", sondern es sei "ein schöner Sonntag für Witwen und Witwer".

Von einem Moment auf den anderen

Herta Kastner ist von Anfang an dabei. Ihr Mann starb 2012, mit 46 Jahren. "Ich habe dann immer so ein bisschen gesucht nach Gleichgesinnten und bin dann auf Alexandersbad gestoßen." In den ersten Sonntagen hätten sie voneinander berichten können, seien in Gemeinschaft gewesen. "Dann waren wir so eine schöne, homogene, richtig tolle kleine Gruppe, die zusammengewachsen ist."

Ihr Mann hatte ein geplatztes Aneurysma. "Das war für uns alle wirklich ein Schock. Nicht nur für mich, vor allem auch für die Kinder." Ihr jüngstes Kind war damals neun, das älteste gerade noch in der Ausbildung. Zu Hause gab es eine Landwirtschaft im Vollerwerb. Innerhalb von vier Wochen mussten die Kühe verkauft werden. "Von einem Moment auf den anderen nicht wissen, wie es weitergeht."

Der Verlust hat keine Grenze. Ihr kleiner Enkel hat ihr einmal gesagt, er möchte, dass der Opa runterkommt. Er möchte ihn sehen. Er möchte, dass er wieder etwas für ihn baut – aus Holz, aus Edelstahl, wie er es immer getan hat. "Es reißt nie ab", sagt Kastner. "Weil wir haben daheim immer Erinnerungen."

Nicht nur Theorie

An diesem Sonntag geht es um die Ringelblume. Elisabeth Richter, Diakonin und Kräuterführerin, bringt nicht nur Worte mit, sondern Salbe. "Die Ringelblume ist ja eine Pflanze. Die wirkt also auch auf die Seele. Auch auf unseren Gemütszustand." Wer will, bekommt Ringelblumensalbe auf die Hand. Theorie bleibt hier nicht einfach Theorie.

Wurziger-Keltsch beschreibt den Ablauf: Um zwölf Uhr beginnt der Sonntag mit einem gemeinsamen Mittagessen – "Ich muss mir nicht Gedanken machen: Was koche ich?" –, dann folgt eine Bildungseinheit, zuletzt Kaffee, Kuchen und Gespräche. Und die dürfen dauern. "Wenn die Küche nicht mehr besetzt ist, dann dürfen die Teilnehmenden sitzen bleiben und dann selber das Licht ausmachen und die Tür zu machen, weil so viel Vertrauen schon da ist."

Einer fängt den anderen auf

Barbara Szabo sagt über die Menschen am Tisch: "Beide haben wir eigentlich großes Leid hinter uns. Und das geht ja nicht weg. Man ist ja weiterhin allein. Und die anderen sind genauso betroffen und einer fängt den anderen auf."

Der Verlust bleibt. In Erinnerungen, in Familiengeschichten, manchmal mitten am Sonntag. Aber in Bad Alexandersbad bleibt niemand nur bei sich. Und manchmal ist genau das der Anker.