1.08.2019
Selbsthilfe

Hilfe nach Suizidversuch: Dekanat Kempten gründet Gruppe für Betroffene

Pfarrerin Jutta Schröppel und Psychologin Janina Wetzel gründen eine Gruppe, die Menschen nach Suizidversuch entlasten soll. Es ist die erste dieser Art in Bayern.
Schatten

Solche Fälle kennt Jutta Schröppel sehr gut: Ein Mensch wird nach einem Suizidversuch aus der Notaufnahme entlassen, ohne dass direkt danach eine Therapie möglich ist. Dabei wäre es wichtig, über das Geschehene zu sprechen, sagt die Pfarrerin: "Betroffene tun sich aus Angst vor Verurteilung und Ausgrenzung damit aber oft sehr schwer." In der Gruppe hingegen falle es leichter, darüber zu reden: "Man weiß, die anderen haben Ähnliches erlebt. Die wissen, wovon ich spreche. In der Gruppe können Betroffene sich fallen lassen. Das kann sehr entlastend sein."

Im Dekanat Kempten soll deshalb eine solche Gruppe für Menschen nach Suizidversuch entstehen. Sie soll fachlich von Psychologin Janina Wetzel und Pfarrerin Jutta Schröppel begleitet werden. "Die Neugründung soll eine wichtige Lücke im Betreuungsnetz schließen", sagt die Pfarrerin, die seit fünf Jahren im Dekanat als Koordinatorin Suizidprävention und Begleiterin in Krisensituationen arbeitet. Ihre halbe Pfarrstelle wird von der evangelischen Landeskirche finanziert. Daneben ist die 55-jährige Seelsorgerin im Bezirkskrankenhaus (BKH) Kempten.

Gruppe soll helfen, Suizidversuch aus der Tabuzone holen

Die Gruppe für Menschen nach Suizidversuch soll zunächst auf zehn Teilnehmer beschränkt sein und nach zehn Sitzung in eine angeleitete Selbsthilfegruppe übergehen. Es wäre nach Angaben des Dekanats bayernweit die erste Gruppe dieser Art. "Ein Suizidversuch ist so ein einschneidendes Ereignis, dass die Betroffenen dringend darüber sprechen sollten", so Janina Wetzel. Bevor die Gruppeneinheiten beginnen, führt die begleitende psychologische Psychotherapeutin  Einzelgespräche und schätzt die Stabilität des Einzelnen für die Arbeit in der Gruppe ein. Durch den Selbsthilfecharakter fördert auch die Arbeitsgemeinschaft der gesetzlichen Krankenkassen das neue Projekt teilweise mit – ebenso wie das Dekanat Kempten und die evangelische Landeskirche.

"Das Projekt ist vorerst auf drei Jahre angelegt", so Dekan Jörg Dittmar bei der Vorstellung des Konzepts. "Ein nicht verarbeiteter Suizidversuch birgt die Gefahr eines erneuten Versuchs in sich", meint er. Scham, Trauer, Schuld, aber auch Vergebung seien Gefühle, die mit einem Suizidversuch einhergingen. "Es geht darum, das Thema Suizidalität und Suizidversuche aus der Tabuzone zu holen und darüber zu sprechen", sagt Dittmar.

Neue Gruppe für Menschen nach Suizidversuch in Kempten
"Ein Suizidversuch ist so ein einschneidendes Ereignis, dass die Betroffenen dringend darüber sprechen sollten": Psychologin Janina Wetzel (li.) und Pfarrerin Jutta Schröppel leiten gemeinsam die neue Gruppe.

Pfarrerin Schröppel will Betroffenen Mut machen

Pfarrerin Schröppels Anliegen ist es, "Mut zu machen und Betroffenen, die keinen Ausweg mehr sehen, aufzeigen, dass es Anlaufstellen gibt". Diese gibt es nicht nur in den klassischen, niedergelassenen Praxen der Psychologen, Psychiater und Therapeuten; Hilfen gibt es auch in der evangelischen Kirche und der Diakonie.

Im Allgäu steht ihr ein Fachbeirat zur Seite: bestehend aus Markus Jäger, Ärztlicher Direktor des BKH Kempten; Olaf Höck, Bereichsleiter SPZ der Diakonie; Beatrix Kammerlander, Ärztin und Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie; und Pfarrer Frank Wagner aus Oberstaufen. "Oftmals ist ein Suizidversuch auch ein Hilfeschrei", erklären Jutta Schröppel und Janina Wetzel. Vielfach wüssten die Betroffenen eben nicht, an wen sie sich wenden können. In so einer schwierigen Lebensphase sei es ohnehin ein Kraftakt, dann die Initiative zu ergreifen. Schon mit ein oder zwei Anrufen seien die Betroffenen überfordert.

Ausstellung informiert über Beratungsangebote

Daher war Jutta Schröppel vor einiger Zeit auch auf die Idee einer Ausstellung gekommen mit dem Titel "Beratungsangebote für Menschen in seelischen Krisen". Sie soll die vielfältigen Beratungsangebote der Kirchen für Menschen in seelischen Krisen und für suizidgefährdete Menschen in der Öffentlichkeit stärker bekannt machen. Denn in den vergangenen fünf Jahren hat Schröppel ein großes Netzwerk aufgebaut. Bei der Umsetzung der Infotafeln half ihr Pfarrerin Jutta Martin, im Dekanat zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit. Jetzt sucht Schröppel für die 13 Plakate einen neuen – möglichst öffentlichen – Ausstellungsort in der Region.

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