5.09.2017
Radeln plus Kirche

Wer Kirchenräume betritt, sieht sie immer öfter: Radfahrer in voller Montur, mit Helm und kurzer Hose. Der sportliche Teil der Menschheit ist nicht länger nur an frischer Luft und Natur interessiert. Immer häufiger legen die Pedalritter eine Rast in Kirchen ein. Was steckt hinter der neuen Liebe zu den Kirchen?
Kirche und Rad: Mit Radfahrerkirchen und speziellen Touren entlang der Gotteshäuser stellen sich Kirchen auf die Bedürfnisse ihrer Klientel ein.
Kirche und Rad: Mit Radfahrerkirchen und speziellen Touren entlang der Gotteshäuser stellen sich Kirchen auf die Bedürfnisse ihrer Klientel ein.

 

Eine der ältesten Radfahrerkirchen steht in Vilsbiburg im Kreis Landshut. Weil der Vilstalradweg vorbeiführt, lockt die Kirche vor allem in den Sommermonaten viele Radler an. Schon vor acht Jahren hat der Kirchenvorstand der Christuskirche beschlossen, immer frisches Trinkwasser, Flickzeug, Fahrradpumpen und einen Sanitätskasten bereitzuhalten, damit Radfahrer alles finden, was sie brauchen, und aus Platzgründen oft nicht bei sich tragen.

Jeder kann auch den schönen Kirchenraum mit den bunten Glasfenstern zum Innehalten, Schauen und Beten nutzen. Die Kirche steht von Palmsonntag bis zum Reformationstag tagsüber immer offen. Es liegen spirituelle Besinnungstexte bereit. Ein bunter Wandteppich lädt Kinder zum Betrachten ein.

»Die Ruhe und Atmosphäre«

»Die meisten kommen in die Kirche, um die Stille in der Kühle zu genießen«, sagt der evangelische Gemeindepfarrer Michael Lenk. Im Gästebuch werden immer wieder »die Ruhe und die angenehme Atmosphäre« erwähnt, die die Kirche biete. »Unsere Kirche ist ein Ort, wo sie vom Drahtesel runterkommen, ohne gleich etwas konsumieren zu müssen.«

Das genießen nicht nur Touristen, die des Wegs kommen, sondern auch Leute aus dem Ort. Für den Geistlichen war der Titel »Radfahrkirche« deshalb so etwas wie ein »Vehikel, um die Kirchentüren offen zu halten«.

Eine Studie des Bundeswirtschaftsministeriums ergab vor Kurzem, dass spirituelle Rad- und Pilgerwege im Trend liegen. »Ein unglaublicher Markt«, sagt Pfarrer Hans-Peter Pauckstadt-Künkler. Vor zwei Jahren ist unter seiner Federführung in der mittleren und nördlichen Oberpfalz der Simultankirchen-Radweg entstanden, der zu sakralen Kunstschätzen wie zu gemütlichen Landgasthöfen führt. »Es gibt viele Menschen, die sich im Urlaub oder in der Freizeit gerne Kirchen anschauen. Da trifft das Interesse an Religion und Spiritualität sowie an Kunst und Kultur aufeinander«, sagt Pauckstadt-Künkler.

Zur seelischen Stärkung in die Kirche

Auf etwa 400 Kilometern verläuft das Radwegenetz und verbindet 49 Kirchen und historische Orte miteinander, die zum Teil noch heute simultan genutzt werden. Der Simultankirchen-Radweg teilt sich in zehn Tagestouren auf, die jeweils eine Strecke von 25 bis 45 Kilometern Länge haben und jeweils mehrere Kirchen ansteuern.

Dass es mehr Menschen werden, die das Angebot nutzen, macht Pauckstadt-Künkler an den Anfragen für Touren, aber auch an den Notizen in den Gästebüchern fest, die in den Kirchen aufliegen. »Das Bedürfnis nach Ruhe, nach geistiger Spiritualität, die Suche nach der neuen Langsamkeit, auch ein Stück Entschleunigung: Das sind die Themen, die im Moment aktuell sind und die in diesen Radwegen zur Geltung kommen.«

Eine der jüngsten Radfahrerkirchen steht in Wenzenbach (Kreis Regensburg), die Dietrich-Bonhoeffer-Kirche, ökologisch vor einem Jahr in Holzbauweise erstellt, mit Bänken und einem Weiher direkt vor der Kirchentür. Der Falkenstein-Radweg führt vorbei. Demnächst, so verrät Pfarrer Bernd Kritzenthaler, soll es auch eine Aufladestation für Pedelecs, Räder mit Antriebsmotor, geben. Man wolle sich auch auf nicht ganz so sportliche Radfahrer einstellen, sagt er.

Kommen und Gehen in Radl-Klamotten

Die Dreieinigkeitskirche in Regensburg ist explizit keine Radfahrerkirche, wird aber trotzdem von vielen Pedalrittern wegen ihres kunsthistorischen Werts besucht. In der frühbarocken Saalkirche gehen laut Pfarrer Martin Schulte in der Saison rund 15 000 Touristen ein und aus. Hinzukommen noch einmal etwa 25 000 Besucher, die auch den Turm der Kirche besteigen, um den Blick über die Altstadt zu genießen. Auch sie werfen einen Blick in die Kirche.

Es ist ein Kommen und Gehen, viele davon in Radl-Klamotten. Wie findet es Schulte, wenn das Gotteshaus in Sportkleidung betreten wird? »Um vor Gott zu treten, braucht es keine Kleidervorschriften«, sagt er ungeniert. Und: »Ich freue mich über jeden, der kommt.«

Gerade kommt wieder ein Radfahrer des Wegs und stellt sein Gefährt ab. Ob auch er die Kirche besichtigen möchte? »Nein, ich gehe zum Einkaufen«, sagt er. »Direkt vor der Kirche – da wird das Radl nicht geklaut.« Aus Gründen des Vertrauens: Auch dafür sind Kirchen gut.

 

Zwei Radlfahrer aus Siegen entdecken Kunstschätze.
Zwei Radlerinnen aus Siegen entdecken Kunstschätze.
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Sonntagsblatt