17.11.2017
Suchthilfe

Suchtberater im Gefängnis gibt es in Bayern seit 20 Jahren. Erica Metzner von der Stadtmission Nürnberg ist eine von ihnen. Zu Beginn stattete sie den drogenabhängigen Häftlingen nur Besuche ab. Bis sie 2012 eine eigene Zelle bekam.
Drogen Heroin Sucht

Frau Metzner, wie sieht es aus der Sicht von Ihnen und Ihres Suchthilfezentrums im Gefängnis aus?

Metzner: Es gibt keinen »cleanen« Raum. Überall dort, wo Menschen sind, gibt es auch immer wieder Suchtmittelmissbrauch. Menschen in Haft haben die gleichen Suchtmittelproblematiken wie draußen. In der Haft haben wir um die 40 Prozent alkoholabhängige Menschen in der Beratung, der Rest verteilt sich auf die Bandbreite illegaler Substanzen. Das erstreckt sich auf Cannabis über Heroin und Crystal Meth oder Badesalze.

Die Stadtmission Nürnberg ist seit Beginn der Externen Suchtberatung in bayerischen Gefängnissen dabei. Was hat sich in den 20 Jahren verändert?

Metzner: Die gravierendste Veränderung ist im Jahr 2012 passiert. Davor kamen wir von außen und führten die Beratung in den Anwaltsbüros der Anstalten durch. Dann wurde das System geändert: Seitdem ist unsere Beratungsmannschaft komplett in die Justizvollzugsanstalten (JVAs) gezogen. Wir haben eigene Büros mit eigenem Schlüssel und Schließsystem. Das war für beide Seiten - sowohl für uns als auch für die JVAs - ein hoher Vernetzungsaufwand, der gut gelungen ist.

Ihr Team arbeitet also die meiste Zeit hinter Gittern?

Metzner: Genau so müssen Sie es sich vorstellen. Auch die Büros in den Haftanstalten sind natürlich vergittert und letztendlich aufgebaut wie Zellen, aber als Beratungszimmer natürlich entsprechend eingerichtet. Wir durchlaufen die gleichen Sicherheitskontrollen wie alle anderen auch.

Gibt es besondere Erfahrungen?

Metzner: Es ist ein anderes Beratungs-Setting als in einer klassischen Beratungsstelle. Aber unterm Strich schauen die Beratungsgespräche genauso aus. Menschen kommen freiwillig zu uns. In der Öffentlichkeit spukt manchmal in den Köpfen so ein Bild von Gewaltstraftäter herum, die unsere Arbeit gefährlicher machen. Tatsache ist, es ist ein anderer Aufenthaltsort für uns, aber wir haben in den ganzen 20 Jahren nie eine wirklich gefährliche Situation erlebt.

In dieser Zeit hat allein das Suchthilfezentrum der Stadtmission Nürnberg rund 6000 Klienten hinter Gittern betreut. Wie fällt die Zwischenbilanz aus?

Metzner: Es ist vom Grundsatz eine sehr erfolgreiche und sinnbringende Arbeit. Wir befinden uns im Resozialisierungsbereich und betreiben damit auch grundsätzlich Gewaltstraftatenprophylaxe. Anhand unserer Daten können wir sagen, dass über 50 Prozent die Behandlung bei uns regulär beenden. Und 45 Prozent der Klienten, die bei uns die Beratung beenden, weisen einen gebesserten Suchtmittelkonsum auf. Das heißt, sie haben deutlich ihren Konsum verringert beziehungsweise ihre Suchterkrankung reflektiert. Wir gehen davon aus, dass wenn jemand mit einer positiven Prognose entlassen wird, er draußen ein geringeres Rückfallrisiko hat.

 

Suchtberatung in bayerischen Gefängnissen

Die Externe Suchtberatung (ESB) durch Einrichtungen der Freien Wohlfahrtspflege in den Justizvollzugsanstalten (JVA) in Bayern begann vor 20 Jahren zunächst als Modellprojekt. Heute ist sie fester Bestandteil der Betreuung suchtmittelabhängiger und suchtmittelgefährdeter Inhaftierter in den bayerischen JVAs. 1997 wurden für die 37 JVAs in Bayern 33 Planstellen vom Freistaat genehmigt. Mittlerweile umfasst die ESB, die vom bayerischen Gesundheitsministerium finanziert wird, 56,5 Vollzeitstellen. Träger ist größtenteils die Freie Wohlfahrtspflege.

Die Münchner Koordinierungsstelle der bayerischen Suchthilfe, eine Einrichtung der Freien Wohlfahrtspflege Bayern, stellt fest, dass im Laufe der Jahre die Beratung umfangreicher geworden ist. Das führt sie auf die ansteigende Zahl von Inhaftierten zurück. Aber auch die Konsumarten und Konsummittel hätten sich in den vergangenen Jahren erheblich verändert. In den letzten 20 Jahren konnten zahlreiche Inhaftierte, die wegen eines Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz verurteilt waren, in Entwöhnungsbehandlung vermittelt und resozialisiert werden.

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