Tutzing (epd). Für die Schriftstellerin Marlen Hobrack ist Bildungsgerechtigkeit die soziale Frage des 21. Jahrhunderts. Die Klassengesellschaft sei längst nicht überwunden und die gesellschaftlich vermittelten Aufstiegskonzepte seien problematisch, schreibt sie in einem Gastbeitrag für die Evangelische Akademie Tutzing. In einer Politikwerkstatt vom 5. bis 7. Mai wird Hobrack ausgehend von ihrem Buch "Klassenbeste. Wie Herkunft unsere Gesellschaft spaltet" über Aufstiegsmythen und den "Selbstbetrug der Mittelschicht" sprechen.

Noch immer gehöre das Einkommen der Eltern und auch deren Schulabschluss zu den wesentlichen Kriterien, die über Bildungserfolg entscheiden, schreibt Hobrack. Sie warnt vor einer weiteren sozialen Spaltung im Bildungswesen, die der akute Lehrermangel fortschreiben könnte. Dabei plädiere sich nicht dafür, alle Menschen zum Studium zu führen, "vielmehr sollen diejenigen, die dazu befähigt sind, studieren können, ohne Nachteile aufgrund des Status ihrer Eltern in Kauf nehmen zu müssen".

Hobrack kritisiert ein "problematisches Aufstiegskonzept", das Abitur und Studium als "Königsweg" beschreibe. Die Autorin, die sich selbst als ostdeutsches Arbeiterkind bezeichnet, fordert, Arbeiterberufe fair und leistungsgerecht zu entlohnen und den Leistungsbegriff umzudeuten. Dies "wäre ein wirklicher Schritt zur Gerechtigkeit für Angehörige der Arbeiterklasse, deren Körper oft frühzeitig im Leben starke Verschleißerscheinungen zu spüren bekommen und die nicht bis zum 65., 67. oder gar 70. Lebensjahr durcharbeiten können".