Gwendolyn Ruoff ist Vertrauensfrau in der evangelischen Dreieinigkeitskirche in München-Bogenhausen. Sie engagiert sich in ihrer Gemeinde – und hadert mit der Strukturreform der bayerischen Landeskirche. In ihrem Gastbeitrag erklärt sie, warum sie denkt, dass sich die Ehrenamtlichen schwertun mit den Reformen und sich eine bessere Führung wünschen. 

Strukturreform der bayerischen Landeskirche

Ich engagiere mich seit vielen Jahren ehrenamtlich in meiner Kirchengemeinde und eines ist ganz klar: Es muss sich etwas ändern. Weniger Mitglieder, weniger Geld, weniger Personal – Kirche kann nicht weitermachen wie bisher. Viele Ehrenamtliche kennen Veränderungsprozesse aus ihrem Berufsleben. Und wissen: Veränderung ohne Führung produziert Unsicherheit.
Genau die erlebe ich derzeit.

Die Strukturreform trifft die Gemeinden mit enormem Tempo. Regionalgemeinden sollen entstehen, Verwaltung gebündelt, Gebäude bewertet werden. Verstanden. Doch das Ziel bleibt unscharf. Was übernimmt künftig ein zentrales Pfarramt? Was bleibt in der Gemeinde? Was wird digitalisiert? Was übernehmen Hauptamtliche – und was Ehrenamtliche?

Mal soll Verwaltung auf eine höhere Ebene wandern und Gemeinden entlasten. Dann sollen Ehrenamtliche mehr Administration übernehmen, damit Pfarrer Zeit für die Menschen haben. Wieder andere sehen Pfarrpersonen künftig als Coaches, die Ehrenamtliche zu noch mehr Gemeindeführung befähigen.

Wo bleibt die Vision bei der kirchlichen Reform?

Was davon ist die Vision? Und wie viel Ehrenamt verträgt das Ehrenamt?

Besonders deutlich wird der Widerspruch bei den Gebäuden. Gemeinden sollen miteinander aushandeln, welche Standorte Priorität erhalten. Wo Zusammenarbeit wachsen soll, wird Konkurrenz organisiert: Wer behält was? Wer verzichtet? Wer wird A-, B- oder C-Standort? Aus Nachbarn werden Konkurrenten um knappe Ressourcen.

Immer mehr Organisation landet bei uns Ehrenamtlichen. Digitale Formate sollen helfen, doch Rechte und IT-Unterstützung passen nicht zu den Aufgaben. Neue Angebote und Plattformen versprechen Orientierung. Vor Ort wächst jedoch die Unübersichtlichkeit.

Warum muss jede Gemeinde das Rad neu erfinden? Die Landeskirche könnte einen Werkzeugkasten bereitstellen: erprobte Modelle für gemeinsame Pfarrämter, klare Prozesse, digitale Lösungen, Checklisten. Verantwortung nach unten zu delegieren ist noch keine Reform. Unendliche Arbeitskreise sind keine Führung. Führung heißt: Ziel benennen, Leitplanken setzen, Werkzeuge bereitstellen.

Wer Gemeinden Einschnitte abverlangt, muss zeigen, was die übergeordneten Ebenen selbst verändern und einsparen – bis hin zu einer Synode, in der "nicht ordiniert" noch lange nicht "ehrenamtlich" bedeutet. Veränderungsbereitschaft lässt sich nicht nur von unten erwarten. 

Ich engagiere mich gerne für meine Kirche. Aber Ehrenamt geschieht nach Feierabend. Kirche ist ein Ort des Glaubens, der Gemeinschaft und des Innehaltens – kein Change-Management-Projekt. Wenn eine Reform diejenigen erschöpft, die Kirche vor Ort tragen, gefährdet sie den eigenen Erfolg.

Wir schneiden uns ins eigene Fleisch.

Dabei könnte gerade jetzt ihre Stunde sein. In einer religiös und kulturell vielfältigeren Gesellschaft fragen Menschen neu, was ihre christliche Prägung bedeutet und was sie weitergeben wollen. Darin liegt eine Chance für eine selbstbewusste, offene evangelische Kirche.

Dafür muss Kirche wieder Zeit für Kirche haben – und ihre Kraft nach außen richten, statt sie im Umbau ihrer eigenen Strukturen zu verbrauchen.

Was denkst du über die Strukturreform der bayerischen Landeskirche?

Was denkt Ihr über die Strukturreform der bayerischen Landeskirche? Wo engagiert Ihr euch und was erlebt Ihr vor Ort? Was läuft gut – und wo wünscht Ihr Euch mehr Unterstützung? 

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