"Die handelnden Personen: Fritz, der Konfirmand, Gretel, seine Mutter, Hans, sein Vater". Im schönen Saal des Nürnberger Rathauses steht der Dichter Fitzgerald Kusz am Rednerpult und liest in weichem Fränkisch aus dem Originalmanuskript seines berühmten Stücks "Schweig Bub!". An diesem Tag im Frühjahr 2026 übergibt der 83-Jährige dieses Manuskript dem Nürnberger Stadtarchiv.

"'Schweig Bub!' ist auf jeden Fall mein wichtigstes Werk", sagt Kusz. Denn der Erfolg des Stücks habe ihm seinen Traum ermöglicht, sich als Autor seinen Lebensunterhalt zu verdienen und den Beruf als Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch an den Nagel zu hängen. Ausgerechnet ein Theaterstück ermöglicht ihm, der sich seit Mitte der 1960er Jahre als Lyriker sieht, die Unabhängigkeit.

Start mit einem "vermaledeiten Satz"

"Schweig Bub!" beginnt mit einem "vermaledeiten Satz", wie es Kusz selbst erzählt. "Du, wou hammer letzthin ä suer Leberknidlersuppm gessn?" (Wo haben wir denn letzthin eine solche Leberknödelsuppe gegessen?), hat er irgendwo aufgeschnappt und bringt den Satz nicht in einem seiner Mundartgedichte unter. "Er schrie nach dem großen Suppenteller eines Theaterstücks", stellt der Autor fest. Also wurde der Satz der Einstieg in ein Stück in fünf Akten, das von einer Konfirmationsfeier im Wohnzimmer handelt, die mehr und mehr aus dem Ruder läuft.

Es fließt reichlich Alkohol. Norbert Treuheit, Kusz' Verleger vom Verlag "Ars vivendi", sagt, es gebe in dem Stück große Lacher, aber "manchmal bleibt einem schon das Leberklößchen im Halse stecken". Bestimmt existierten Parallelen zu heutigen Familienfesten, aber die Rahmenhandlung einer Konfirmation oder Kommunion würde man 50 Jahre später wohl nicht mehr wählen. "Das hat heute nicht mehr diesen Stellenwert", sagt Treuheit.

Für Kusz lag es damals aber auf der Hand, mit dem Leberkniedel-Satz die Konfirmationsfeier zu beginnen. Zu der gehört, ganz wichtig, das echte Essen auf der Bühne: Bei mehr als 700 Vorstellungen allein in Nürnberg ist die Suppe hektoliterweise auf der Bühne geschlürft worden, und viele duftende Braten haben den Zuschauern das Wasser im Munde zusammenlaufen und manche Schauspieler verzweifeln lassen. Wichtig für das Stück ist auch das spießbürgerliche Wohnzimmer selbst, für das sich Kusz beim Objektkünstler Edward Kienholz Inspiration holte.

Eine Verbeugung vor Samuel Beckett

Während der Handlung wird mehrfach der Besuch des Pfarrers angekündigt, doch er erscheint nie: Es ist Kusz' Vorbeugung vor dem von ihm verehrten Samuel Beckett, dem Autor von "Warten auf Godot", und gibt dem Stück zugleich zusätzliche Struktur.

Schon als Schüler auf dem Weg im Bus in die Schule saß Kusz mit einem Notizbüchlein und Stift und notierte, was die Leute redeten. Viele Originalzitate sind in sein berühmtestes Stück eingeflossen, das nicht sein erstes Stück ist. Zuvor schrieb er "Die Reifenstecher von Untersbach" und "Burning Love", die bei weitem nicht so eingeschlagen sind wie "Schweig Bub!"

Mit der fränkischen Schreibweise des Stücks habe der Lektor "seine liebe Not" gehabt, berichtet Kusz. Es mutete ihn "indonesisch" an, stellt er fest. Zu einer ersten Hauptprobe vor der Aufführung in Nürnberg habe man Bewohnerinnen eines Seniorenheims eingeladen. Einige von ihnen hätten noch nie zuvor ein Theater von innen gesehen. "Sie waren begeistert", erinnert sich der Autor. "Was auf der Bühne verhandelt wurde, war für sie kein Theater, sondern ein Stück Leben."

Sohn eines Berliners

"Schweig, Bub!" wurde zum größten Publikumsrenner der Nürnberger Theatergeschichte. 350.000 Menschen haben das Stück gesehen. Der Konfirmand musste in weiteren ungezählten Inszenierungen den Mund halten, bis er im dritten Akt seinen großen Auftritt hat und seine Konfirmandenprüfung noch einmal nachsprechen soll. Für Kusz die Gelegenheit, die von ihm so verehrte Sprache Martin Luthers einzusetzen.

In 13 deutsche Dialekte und ins Flämische ist "Schweig Bub" übersetzt. Auf bayerisch heißt es "A Ruah is, Bua!", auf sächsisch "Schdille bisde!" und auf pfälzisch "Halt die Gosch, Bub!" Gut gefallen hat Kusz selbst, dem Sohn einer Fränkin und eines Berliners, die Aufführung im Berliner Gripstheater. "Halt die Klappe, Junge", hieß es da mit den berühmten Schauspielern Edith Hanke und Arnold Marquis, der deutschen Stimme von John Wayne.

"Über die Jahre hab' ich das Stück unzählige Male in den verschiedensten Dialekten über mich ergehen lassen müssen. Ich mag es noch immer", sagt Kusz kurz vor dem 50. Uraufführungsjubiläum. Er sei vor kurzem auf einen Aphorismus von Hugo von Hofmannsthal gestoßen, der vielleicht den Erfolg des Stücks treffe: "Die Tiefe muss man verstecken. Wo? An der Oberfläche."