München (epd). Alt-Bundespräsident Joachim Gauck sorgt sich um die Widerstandsfähigkeit der deutschen Demokratie. Die große außenpolitische Bedrohung durch Russland treffe die Gesellschaft "in einem Zustand erheblicher Verunsicherung und Selbstbefragung", sagt Gauck der "Süddeutschen Zeitung" (Donnerstag). Der frühere Staatsoberhaupt (2012-2017) warnte vor einer zunehmenden Kluft zwischen progressiven Kräften, die ins Absolute abzudriften drohten, und Gruppen, die sich von den Veränderungen überfordert fühlen.

Unter dem Eindruck mehrerer Krisen fremdeln Bevölkerungsgruppen, "die traditionell und sicherheitsorientiert sind", mit der immer größeren Vielfalt in der Gesellschaft und verlangten "eine robustere Führung", sagte der Alt-Bundespräsidenten der Zeitung. "Auf der anderen Seite entwickeln Teile einer progressiven, universitären Elite gruppenzentrierte Fortschrittsmodelle, in denen die Allgemeingültigkeit der Menschenrechte relativiert oder negiert und die Aufklärung gar als ein Element westlicher Dominanz dargestellt wird."

Man müsse verstehen, dass sich "nicht alle in gleichem Umfang und in gleichem Tempo dem forcierten Wandel, den technischen Innovationen und den neuen geopolitischen Realitäten anpassen". Der ehemalige Bundespräsident forderte deshalb, einen Weg "zwischen dem Frust und den Ängsten der einen und den fast missionarischen Absichten der Erneuerer" zu suchen.