München (epd). Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen haben sich erstmals in der aktuellen Debatte um ihren Umgang mit NS-Raubkunst ausführlich geäußert. In der am Mittwoch veröffentlichten Erklärung weisen die Staatsgemäldesammlungen, zu denen die weltbekannten Münchner Pinakotheken gehören, die in der "Süddeutschen Zeitung" erhobenen Vorwürfe zurück. Weder sei es korrekt, dass 200 Werke laut internen Dokumenten NS-Raubkunst seien, noch handle es sich bei dieser Liste um eine Art Geheimdokument. Die Staatsgemäldesammlungen wollen nun mithilfe des Berliner Medienanwalts Christian Schertz presserechtliche Schritte gegen die SZ prüfen.
Laut dem "Süddeutsche"-Bericht vom vergangenen Donnerstag (20. Februar) wurden die Nachfahren von enteigneten jüdischen Kunstbesitzern nicht über NS-Raubkunst im Besitz der Staatsgemäldesammlungen informiert - dabei soll die Herkunft (in der Fachsprache: die Provenienz) der geraubten Kunstwerke teils schon jahrelang bekannt sein. Die Zeitung stützt sich bei ihrem Bericht auf einen 900-seitigen Auszug einer internen Datenbank aus dem Jahr 2020, der ihr vorliegt. Der Auszug enthalte Berichte zu rund 200 möglichen NS-Raubkunstwerken, schrieb die Zeitung weiter. Diese Werke seien in der Liste nach einem Ampelsystem als "Rot" eingestuft und somit eindeutig Raubkunst.
Die Staatsgemäldesammlungen hatten die Vorwürfe "von Anfang an aufs Schärfste" zurückgewiesen. Die von der Zeitung ausgewertete Liste sei ein internes Arbeitsdokument, das viele Jahre alt und somit nicht mehr aktuell sei. Die Markierung "Rot" werde vergeben, wenn potenziell Betroffene Restitutionsansprüche erheben oder Raubkunstverdacht besteht, also weitere Recherchen nötig sind. "Die entscheidende Falschbehauptung der 'Süddeutschen Zeitung', die letztlich die Grundlage des gesamten Artikels ist, ist daher die, dass eine interne Prüfung bereits die in der Liste aufgeführten Werke eindeutig als (...) zurückzugebende Raubkunst identifiziert hat", heißt es in der Erklärung.
Im Bayerischen Landtag war die von der SZ-Berichterstattung ausgelöste NS-Raubkunst-Debatte am Mittwoch ebenfalls Thema. Bayerns Kunstminister Markus Blume (CSU) hatte den Staatsgemäldesammlungen bereits am Dienstag in einem Statement den Rücken gestärkt und gesagt, es gebe bislang "keine Anhaltspunkte für die Richtigkeit der Vorwürfe". Zugleich forderte er die Staatsgemäldesammlungen "zur unmittelbaren Anwendung des Leitfadens" des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste (DZK) auf, mit dessen Hilfe NS-Raubkunst identifiziert werden soll. Zudem müsse sie ihr Klassifizierungs-System "auf die Standards gemäß DZK-Ampelsystem" umstellen.
Laut der Erklärung der Staatsgemäldesammlungen haben sich deren Provenienzforscher aber auch in diesem Punkt korrekt verhalten: Das DZL habe "heute bestätigt, dass die Kategorisierung der Ampelfarben bei den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen der üblichen Museumspraxis entspricht, wobei die Detailgestaltung differieren kann".