Ferrara, Italien, 1930er Jahre. Ein Schüler, sensibel und aus gutem Hause, nähert sich seinem charismatischen Mitschüler Luciano an – und gerät dabei in einen Strudel aus Bewunderung, Verlangen, Scham und Verrat. 

Ungleicher konnten sie nicht sein: der Erzähler und sein Schwarm, der neue Mitschüler Luciano Pulga, der laut ist, klug und wild. Während der eine aus einer bürgerlichen Familie kommt, stammt Luciano aus einfachen Verhältnissen. Zunächst angewidert, flammt schnell eine gewisse Faszination für den groben Mitschüler auf. Aus Gesprächen über die Schule entsteht eine Freundschaft. 

Doch ihr Verhältnis ist seltsam spannungsgeladen. Der Erzähler verehrt Lucianos Intelligenz, seine Körperlichkeit, seine Unabhängigkeit – und kämpft gleichzeitig mit einem Gefühl, das er nicht einordnen kann: Begehren.

Luciano weiß um diese Spannung, spielt mit ihr und reizt sie aus. Ihre Freundschaft ist ein Spiel aus Nähe und Zurückweisung, intimen Momenten und gezielten Kränkungen. Dazu gesellt sich Carlo, ein stiller, belesener Außenseiter, der dem Erzähler nähersteht und ebenfalls von Luciano fasziniert ist. Zwischen den Dreien entsteht ein subtiles Geflecht aus Eifersucht, Identitätssuche und unausgesprochenem Begehren.

Der Verrat

Der emotionale Bruch kommt, als der Erzähler erfährt, dass Luciano sein Vertrauen missbraucht hat: er hat persönliche Aufzeichnungen, mögliche intime Gedanken weitergegeben – und das vor jenen Klassenkameraden, von denen sich der Erzähler immer distanzieren wollte.

Doch der Verrat schmerzt auch deshalb, weil das Unausgesprochene sichtbar gemacht wurde: die Schwäche, die Sehnsucht, die latente homoerotische Spannung. Die Tür, hinter der der Erzähler am Ende steht – als Luciano ihm nicht mehr öffnet – ist die symbolische Grenze zwischen Verlangen und gesellschaftlich erzwungener Verleugnung.

Rückblick mit Rissen

Giorgio Bassani, einer der berühmtesten Autoren Italiens, erzählt aus der Perspektive eines älteren Mannes, der Jahrzehnte später zurückblickt – auf eine Jugend voller innerer Konflikte und verschlossener Gefühle. Seine Perspektive ist von Schuld- und Schamgefühlen durchzogen.

Dabei ist sein Stil zurückhaltend, fast kühl. Er schreibt mit leiser Intensität. So lässt sich "Hinter der Tür" auch als schwule Coming-of-Age Erzählung lesen, aus einer Zeit, in der Italien faschistisch regiert wurde. 

Und auch Bassanis eigenes Leben blieb von Zurückhaltung geprägt. Manche biografischen Deutungen sehen in seinen Werken auch eine indirekte Verarbeitung queerer Erfahrung. Sein Roman steht in einer Linie mit Werken wie Thomas Manns "Der Tod in Venedig" und James Baldwins "Giovannis Zimmer". In all diesen Romanen geht es um das stille, verdrängte Begehren – oft in einem bildungsbürgerlichen oder unterdrückenden Umfeld, oft verbunden mit Selbstverleugnung.

Doch Bassani bleibt italienisch diskret. Er benennt nicht, er deutet. Gerade darin liegt die Kraft seines Textes – er spricht zu jenen, die zwischen den Zeilen lesen können oder müssen.

Giorgio Bassani (1980): Hinter der Tür, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, 144 Seiten, 11 Euro.

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