München (epd). Der Zeitpunkt ist Programm: Kurz vor der Langen Nacht der Demokratie am 2. Oktober hat sich die evangelische Sophie-Scholl-Gemeinde einen Auftrag gegeben: "Aufstehen für Demokratie - gegen Rechtsextremismus", so lautet der Name einer neu gegründeten Arbeitsgruppe der Protestanten im Münchner Osten. 22 Menschen sind am Donnerstagabend in den Saal der Rogatekirche gekommen, um zu überlegen, wie das gehen könnte: Die Demokratie stärken in einer Zeit, in der die AfD bei Landtagswahlen an der Mehrheit kratzt und Hass und Hetze in der Gesellschaft zunehmen. Dass die Parteispitzen oder Bischöfe es alleine richten können, glaubt Initiator Benno Ennker nicht. "Eine Veränderung der momentanen Situation muss wesentlich durch die Zivilgesellschaft passieren - und das sind wir", sagt der 83-jährige Osteuropahistoriker.

Also versammeln sich am Donnerstagabend 22 Leute - 13 Frauen und 9 Männer zwischen 20 und 85, darunter auch alle drei Hauptamtlichen der Gemeinde - um einen langen Konferenztisch und schreiben ihre Ideen auf bunte Moderationskarten: mehr Wissen beschaffen, Referenten einladen, Veranstaltungen besuchen; AfD-Wahlprogramme, Rollenbilder und Sprache der Rechtsextremen verstehen sowie Argumentationshilfen für den Alltag erstellen; als Gruppe in Erscheinung treten bei Stadtteilfesten und Demos; sich mit erfahrenen Initiativen vernetzen, Nachbargemeinden - evangelisch wie katholisch - einladen und Partnerschaften mit Kirchen in Ostdeutschland suchen. Und für all das erst mal eine schlaue Kommunikationsplattform finden, damit die Gruppe den Überblick behält und sich nicht in Mails und Chats verliert.

Tiefe Sorge um die Zukunft der Gesellschaft

Nach einer guten Stunde merkt man, dass die Arbeits- und Denkweisen der Runde zum Teil auseinandergehen, zwischen Theorie und Praxis, Strategie und Aktion. Man merkt aber auch, was alle Mitglieder eint: eine tiefe Sorge um die Zukunft der Gesellschaft, und der Wunsch zu handeln, statt nur zuzuschauen.

Mit ihrem Engagement liegt die Sophie-Scholl-Gemeinde auf einer Linie mit der bayerischen Landeskirche. Schon zur Kommunalwahl im März 2026 hatte die eine Kampagne mit dem Slogan "Unser starkes Kreuz für Demokratie" gestartet, vorangegangen war die Förderung von 20 sogenannten Verständigungsorten durch die Diakonie Bayern. Manche Projekte sind schon wieder beendet. Noch aktiv ist aber zum Beispiel das Format "Horch amol" in Lauf an der Pegnitz, wo CVJM und Kirchengemeinde zweimal im Jahr zur Debatte einladen, oder das Projekt "So viel zu sagen!" der freikirchlichen Friedenskirche Neu-Ulm, wo sich jede Woche zwischen fünf und 15 Menschen zum Gespräch über Gott und die Welt treffen.

Die Ärmel aufkrempeln für die Demokratie

Die Sophie-Scholl-Gemeinde will über das Konzept der Verständigungsorte hinausgehen. Das "Aufstehen" im AG-Namen nehmen viele der Anwesenden sehr ernst. "Wir müssen, um's mit Luther zu sagen, das Maul aufmachen", sagt einer. "Aus der eigenen Blase raus, andere Blasen anstechen", sagt ein anderer. Als Pfarrer Felix Breitling ein Zitat des 2020 verstorbenen SPD-Politikers Hans-Jochen Vogel vorliest, in dem der mit der Annahme aufräumt, dass der demokratische Staat ein Dienstleistungsunternehmen sei, nicken alle zustimmend. In diesem Saal wollen alle für die Demokratie die Ärmel aufkrempeln. Angesichts der vielen bunten Ideen-Zettel an der Magnetwand schwant allerdings so manch einem, was für ein dickes Brett man sich da vorgenommen hat.

Als der Abend um ist, sind die ersten Arbeitsaufträge vergeben und die nächsten Termine im Blick. Es ist ein Schritt in die Richtung, die Benno Ennker sich zu Beginn gewünscht hat: "Ermutigung zur Selbsttätigkeit bei Einzelnen und in der Gemeinde." So ähnlich hat es auch Pfarrer Breitling formuliert: "Es ist besser, wenn wir uns in einer AG zusammentun, statt in Schockstarre zu fallen." Das Thema Selbstwirksamkeit sei ihm wichtig. Einen Anfang dazu haben die 22 Aktiven der Sophie-Scholl-Gemeinde an diesem Abend gemacht.