Kaufbeuren (epd). In der evangelischen Kirchengemeinde in Kaufbeuren rumort es. Was zunächst wie eine Provinzposse anmutet, beschäftigt inzwischen Juristen und die Kirchenleitung in München, Gemeindemitglieder laufen Sturm. Grund ist die überraschende Kündigung des neuen Kantors an der Dreifaltigkeitskirche, Frank Oidtmann. Der gebürtige Unterfranke war erst seit 1. März Kantor, zum Ende seiner Probezeit am 31. August musste er bereits wieder gehen. Die Empörung unter den Mitgliedern der Kirchengemeinde und der Kantorei ist groß.

Oidtmann sei ein grandioser Musiker und ein "Geschenk für Kaufbeuren", sagt Kantorei-Mitglied Astrid Harpprecht. Die Chormitglieder seien aus allen Wolken gefallen, als sie im August von der Kündigung erfahren hätten. Offenbar gilt das auch für Oidtmann selbst, der Klage gegen seine Kündigung eingereicht hat. Sein Anwalt war für ein Statement nicht erreichbar. Der "Allgäuer Zeitung", die zuerst über den Fall berichtet hatte, sagte er, dass er mit der Landeskirche eine außergerichtliche Lösung habe finden wollen, das sei aber abgelehnt worden. "Deshalb bleibt nur der Klageweg." In diesem Fall beim Arbeitsgericht Kempten.

Die Landeskirche teilt auf Anfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd) mit, dass die Entscheidung für die Kündigung nicht leichtfertig getroffen worden sei, sondern nach sorgfältiger Abwägung. Konkrete Gründe nennt sie mit Verweis auf den Persönlichkeits- und Datenschutz nicht. "Uns sind keine nachvollziehbaren Gründe bekannt", sagen hingegen Kantorei-Mitglied Astrid Harpprecht und Thomas Melcher vom Kirchenvorstand. Nach epd-Informationen geht es aber wohl um zwischenmenschliche Misstöne zwischen Oidtmann und den Hauptamtlichen in der Gemeinde.

Nun kämpfen die Kaufbeurer für die Rückkehr Oidtmanns. Und zwar mit einer Vehemenz, von der selbst die Kirchenleitenden überrascht sind. So wurde die lokale Personalie zu einem Fall, der nun auch überregional Beachtung findet. Der geschäftsführende Pfarrer Jost Herrmann sagte der "Allgäuer Zeitung", dass er nicht damit gerechnet habe, dass die Kündigung einen derartigen Orkan auslösen würde. Er und die Kemptener Dekanin Dorothee Löser wollen sich gegenüber Medien zu dem Fall nicht weiter äußern und verweisen auf die Landeskirche.

Wie hochemotional das Thema ist, zeigt auch das schriftliche Statement von Regionalbischof Klaus Stiegler, der vergangene Woche nach Kaufbeuren gereist war, um die Wogen zu glätten. Er sei sich der emotionalen Reaktionen bewusst und nehme diese ernst. "Entscheidungen in der Probezeit sind nie einfach - sie verlangen Umsicht, Respekt und das Abwägen vieler Faktoren", sagt Stiegler. Er bitte aber um Verständnis "für die Notwendigkeit, Entscheidungen im Sinne des kirchlichen Auftrags und der langfristigen Entwicklung der Gemeinde zu treffen".

Ob Stiegler die Wogen glätten konnte, scheint jedoch fraglich. Bei dem Treffen am 27. August, bei dem auch Dekanin Löser, Pfarrer Herrmann, Mitglieder des Kirchenvorstands sowie 60 Kantorei-Mitglieder teilnahmen, sei zunehmend ein "Gefühl vollkommener Ohnmacht der Institution Kirche gegenüber" entstanden, schreiben Astrid Harpprecht und Silvia Sedlacek in einem Pressestatement der Kantorei. Die Kirchenleitung habe zwar Fragen zugelassen, sei aber "auf Sorgen, Ängste, Unverständnis bis hin zu unendlicher Traurigkeit und teilweise auch Wut" nicht eingegangen.

Unangemessen fanden viele in der Gemeinde auch, wie die Kündigung Oidtmanns kommuniziert wurde. Pfarrer Herrmann hatte im Gottesdienst am 17. August über die Kündigung informiert. Dabei hat er laut Gedächtnisprotokoll eines Gemeindemitglieds, das dem Evangelischen Pressedienst (epd) vorliegt, die fachliche Kompetenz Oidtmanns gelobt und gleichzeitig betont, dass dieser sich strafrechtlich nichts habe zuschulden kommen lassen. Dass ein Pfarrer öffentlich im Rahmen eines Gottesdienstes seine Sicht über Dritte in einer heiklen Angelegenheit schildert, ist einigen aufgestoßen.

Klar habe man erst mal miteinander warm werden müssen, sagt Astrid Harpprecht. Oidtmann sei ein herausragender Musiker, dementsprechend anspruchsvoll sei er als Kantor. Oidtmanns fachliche Kompetenz stellt keiner infrage. Er war Anfang des Jahres nach Kaufbeuren gekommen, nachdem sein Vorgänger Traugott Mayr nach 35 Jahren in Rente gegangen war. Ein Dutzend Personen aus ganz Deutschland hatte sich beworben; immerhin ist die Kaufbeurer Kantorei mit ihren bis zu 80 ehrenamtlichen Sängerinnen und Sängern ein hochangesehener Laienchor.

Die Angelegenheit sorgt für enorme Missstimmung, Thomas Melcher spricht gar von "seelischen Verletzungen": Einige Mitglieder hätten von einem Rückzug aus dem Chor, der Gemeinde und der Kirche gesprochen, sagen Astrid Harpprecht und Silvia Sedlacek von der Kantorei. Andere, wie Gemeindemitglied Wolfgang Scupin, haben eine öffentliche Petition gestartet, adressiert an die Leitung der Landeskirche, in der um eine Weiterbeschäftigung von Oidtmann gebeten wird. Mittlerweile haben innerhalb weniger Tage rund 130 Menschen die Petition unterschrieben. Mitten in der Haupturlaubszeit sei das eine beachtliche Zahl, findet Scupin.

Auch ökumenisch erzeugt der Fall Wallung: Jakob Knab von der katholischen Kirchengemeinde in Kaufbeuren hat einen Brief an Landesbischof Christian Kopp geschrieben. In dem Schreiben kommt auch der katholische Dekanatskirchenmusiker in Kaufbeuren, Stefan Mohr, zu Wort. Mit "vollkommener Fassungslosigkeit und Unverständnis" habe er von der Kündigung Oidtmanns erfahren. Er habe diesen als einen "wunderbaren, hochkompetenten und humorvollen Kollegen" kennengelernt.

Oidtmann war von 2002 bis 2015 Bezirkskantor in Esslingen sowie von 2015 bis 2025 Musikdirektor des Evangelischen Stifts Tübingen, einem Studienhaus der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Für seine neue Stelle in Kaufbeuren wechselte er also die Landeskirche. Astrid Harpprecht, die mit 60 weiteren Kantorei-Mitgliedern einen Brief an Landesbischof Kopp geschickt hat, fasst die Überwerfungen ernüchtert zusammen: Mit Oidtmann habe man sich einen Lamborghini eingekauft, habe ihn dann aber wie einen klapprigen VW Golf behandelt.