Neue Formen der Erinnerungsarbeit hat Starpianist Igor Levit angemahnt. "Die Instrumente der Vergangenheit allein reichen nicht mehr aus", sagte Levit am Montagabend bei einem Gesprächsabend zum Internationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus in Dachau.

Er verwies auf eine neue Studie der Jewish Claims Conference, laut der zwölf Prozent der jungen Erwachsenen noch nie etwas vom Holocaust gehört haben. Deutschland habe aber nach 1945 mit dem "Nie wieder!" ein ethisches und moralisches Versprechen gegeben. "Wenn man dieses 'Nie wieder' ins 21. Jahrhundert übersetzen will, müssen wir uns gewaltig anstrengen", betonte der in Russland geborene jüdische Musiker, der im Alter von acht Jahren mit seiner Familie nach Deutschland gekommen war.

Zugleich halte er es für überheblich, den Antisemitismus ausmerzen zu wollen:

"Antisemitismus ist ein paar Tausend Jahre alt - warum sollte ausgerechnet unsere Generation den Schlüssel dagegen haben?"

Allerdings habe jede Generation die Pflicht, Antisemitismus zu bekämpfen. Dafür sei es nötig, stärker in die Auseinandersetzung zu gehen und Verantwortung zu übernehmen, statt "hasenfüßig wegzulaufen".

Der 38-Jährige erzählte im vollbesetzten Saal des Dachauer Ludwig-Thoma-Hauses von seiner Kindheit in Deutschland: "Für mich war das alles aufregend, ich wollte besser Deutsch sprechen als meine Mitschüler, ich wollte einer von denen sein." Die Schoah habe im Alltag seiner Familie keine große Rolle gespielt. Erst mit Mitte 20 sei ihm klar geworden, dass er als Jude "der Andere" sei. Den Terroranschlag der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 nannte er sein "persönliches Supertrauma". Er habe sich vom Großteil seines sozialen Netzes alleingelassen gefühlt.

Von den Medien verlangte Levit im aktuellen Wahlkampf mehr Verantwortung. Niemand zwinge die öffentlich-rechtlichen Sender AfD-Spitzenpolitikern in Talkshows eine Plattform zu geben - etwa für die Frage, ob Hitler ein Kommunist gewesen sei. "Ich meine, was diskutieren wir in einem Jahr: Die Erde ist eine Scheibe?", fragte Levit.

Er ziehe mittlerweile eine klare Grenze zwischen politischem Gegner und Feind. Wenn "die Fraktion Vogelschiss" auf Bundesebene durch offene oder geduldete Kooperation anderer Parteien "die Hände ans Ruder bekommt", dann wolle er Deutschland nicht mehr repräsentieren, sagte der Starpianist.